Winters Garten – Valerie Fritsch

Winters Garten

„Als der Staat sich auflöste und die Stadt trost- und der Mensch so ratlos geworden war, dass er in die Natur gehen musste, um sich zu erneuern. Die Damen saßen zwischen Rhabarber und Erdbeeren und die Herren lehnten sich aus den Fenstern des Hauses, um den Bäumen das Obst herunterzupflücken.“

Winters Garten

Valerie Fritsch beginnt mit den Kindheitserinnerungen des in der Stadt lebenden Vogelzüchters Anton (42). Er ist der Sohn eines Geigenbauers und wuchs innerhalb einer Großfamilie in der ehemaligen Gartenkolonie Winters Garten auf. „Winters Garten“ ist ein idyllisches Kleinod irgendwo im nirgendwo – ein verwunschener Ort. Der Autorin gelingt es, angefangen mit der Großmutter, die Knöpfe auf die Haut kleiner Kinderhände näht und Fehlgeburten konserviert, eine solch´ morbide Stimmung zum Leben und Vergänglichen zu erzeugen, vor der es mir graute, ich mich ihr jedoch nicht entziehen konnte. Außerordentlich ist die Leuchtkraft der Sprache. Anton erlebt die Angst und Verzweiflung der Menschen und wie seine Stadt vor seinen Augen zusehends zerfällt. Er selbst ist verzweifelt. Alles ist für ihn grau, verschwommen und hoffnungslos. Und dann verliebt er sich das erste Mal in eine Frau.

Man könnte denken, jetzt ist der Zeitpunkt da, wo Hoffnung aufkeimt und am Ende des dunklen Tunnels ein kleines Licht durchscheint. Love will tear us apart.

Das düstere Endzeitszenario in „Winters Garten“ erscheint erst unwirklich. Insbesondere, weil wir nicht erfahren, welche Nachricht dazu führt, dass Menschen sich auf der Straße umbringen, es zu Massenmorden kommt und vor was oder wem sie flüchten. Welche Nachricht hat sie so erschüttert? Auch bleibt bis zum Schluß unklar, wo genau wir uns befinden. Valerie Fritsch nutzt in ihrem prosaischen Roman die größtmögliche Wirkungsfreiheit und lässt uns Leser selbst entscheiden, was wir hineininterpretieren wollen oder auch nicht. Aber wenn man um sich herum die Welt betrachtet und in sich hineinhorcht, wird nicht dann der Text greifbarer? Weitesgehend halte ich fest, an dem was ich als ersten Leseeindruck im Sonntagsleser schrieb. Bemerkenswert ist das literarische und erzählerische Talent der jungen Autorin.

Worte: Lilien, Magnolien, Grammophon, planetoid

Valerie Fritsch, geboren 1989 in Graz, arbeitet als Schriftstellerin und Photokünstlerin. Sie ist Mitglied der Literaturgruppe die plattform, eines „offenen autorenkollektivs“. Winters Garten ist ihr erster Roman im Suhrkamp Verlag.

x Autor/in: Valerie Fritsch
x Titel: Winters Kälte
x Genre: Roman
x 154 Seiten
x Suhrkamp Verlag
x ISBN: 978-3-518-42471-1

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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