Und du bist nicht zurückgekommen / Marceline Loridan-Ivens

Und du bist nicht zurückgekommen von Marceline Loridan-Ivens

Die Überlebende des Holocaust Marceline Loridan-Ivens ist bereits eine ältere Dame, als sie ihrem Vater einen Brief mit der Überschrift „Und du bist nicht zurückgekommen“ schreibt. Sie war erst 15 Jahre jung, als sie 1944 zusammen nach Auschwitz-Birkenau deportiert und voneinander getrennt wurden. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Das Einzige, was ihr von ihrem Vater geblieben ist, ist eine von einem ins andere Lager geschmuggelte Botschaft. Worte die sie verdrängt hat. Worte, nach denen sie all die Jahre krampfhaft suchte und nicht finden konnte, bis auf die Zeile „Mein liebes kleines Mädchen“ und die Unterschrift „Schloime“. Der Überbringer, ein fremder Mann.

„Die Wörter hatten uns verlassen. Wir hatten Hunger. Das Massaker war in vollem Gange. Ich hatte sogar Mamas Gesicht vergessen. Und da war deine Botschaft vielleicht plötzlich zu viel Wärme, zu viel Liebe, ich habe sie nach dem Lesen sofort geschluckt, wie eine Maschine, die Hunger und Durst hat. Und dann habe ich sie ausgelöscht. Zu viel daran denken hieß, den Mangel zuzulassen, es macht verwundbar, es weckt die Erinnerungen, es schwächt und es tötet. Im Leben, dem richtigen, vergisst man auch, man geht darüber hinweg, man siebt, man verlässt sich auf die Gefühle. Dort ist es das Gegenteil, zuerst verliert man die Bezugspunkte der Liebe und der Sensibilität. Man erfriert von innen her, um nicht zu sterben.“ S. 18, 19

Und du bist nicht zurückgekommen - Marceline Loridan-Ivens

15-02-2015 aus meinem Lesetagebuch
Ich lese dieses schmale Büchlein mit stockendem Atem, eingekuschelt in einer Decke, in die ich mich festkralle. Als könnte mich jeden Moment ein kräftiger Windstoß erfassen und mitnehmen. Was bei geschlossenem Fenster natürlich ein Ding wäre. Marceline schreibt, als wäre sie 70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager immer noch gefangen? Hinter hohen Stacheldrahtzäunen, umgeben von Blocks, Wachtürmen und Krematorien. In einem Niemandsland, aus dem es kein Entkommen gibt.

Ich glaube, meine Tagebuchnotiz deutet an, wie kraftvoll die Worte der Autorin sind und wie sehr mich ihr Schicksal erschüttert. So traurig, so unglaublich schrecklich sind ihre Erfahrungen. In ihrem Brief an den Vater hat sie versucht, das Unaussprechliche aufzuschreiben. Der Brief liest sich wie ein Zwiegespräch – ein Gedankenaustausch zwischen Vater und Tochter, wenn sie ihn fragt „weißt du?“ So, als könne nur er sie verstehen. So groß ist die Sehnsucht, so groß ist in der Gesellschaft der Mantel des Schweigens der, wie der Gestank des Todes in den Lagern, über allem liegt. So mächtig ist die Angst, nicht verstanden zu werden, weil selbst die eigene Mutter ihr mit Unverständnis entgegengetreten ist. Das Verbrechen der Deutschen an den Juden, hat auch das Leben von Marceline Loridan-Ivens für alle Zeit verändert.

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da.“ S.7

Marceline Loridan-Ivens (Rozenberg), geb. am 19. März 1924 in Épinal, hat wie durch ein Wunder selbst den Todesmarsch ins KZ Bergen-Belsen überlebt. Im Juli 1945 ist sie nach Frankreich zurückgekehrt. Heute arbeitet sie als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Das zutiefst schockierende Buch „Und du bist nicht zurückgekommen“ ist in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin und Essayistin Judit Perringnon entstanden. Sie ist 1979 geboren und lebt in Paris. Lange Zeit war sie als politische Journalistin für die Zeitung „Libération“ aktiv. Seit 2007 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin und Autorin für diverse Printmedien. Hierzulande ist sie bekannt geworden mit ihrem Debüt-Roman Kümmernisse, welcher 2011 im Wagenbach Verlag erschien.

Fazit:

Es gibt viele Sätze, die den Leser regelrecht in den Sessel drücken, weil sie einen sonst ins wanken bringen. Und natürlich gibt es unzählige weitere Bücher von Augenzeugen, über die man sagt, man muss sie gelesen haben. Dieses schmale Büchlein reiht sich nun mit ein.

x Autor: Marceline Loridan-Ivens, Judith Perringnon
x Übersetzer: Eva Moldenhauer
x Titel:  Und du bist nicht zurückgekommen
x Genre: Tagebücher & Briefe, autobiografisch
x 111 Seiten
x Insel Verlag
x ISBN: 978-3-458-17660-2

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

2 Kommentare

  1. Liebe Tanja,
    deine Zeilen klingen nach einer sehr intensiven, bedrückenden Lektüre. Momentan bin ich selbst für so eine Geschichte nicht aufnahmefähig, aber ich werde das Buch in Erinnerung behalten. Danke dir dafür!
    Und ich freue mich, dass wir euch und eure Leseeindrücke nach der längeren Stille zurück im Netz haben! Es war deutlich düsterer ohne euer Leuchtturmlicht.
    Liebe Grüße in den Norden!
    Kathrin

  2. Hallo liebe Kathrin,
    wie schön von dir zu hören, wo ich doch mit meinen gesammelten Schätzen so hinterherhinke. So viel ist passiert, so viel ist gelesen und ich kann dir versichern, dass deine und andere Augen mit dieser Lektüre rastlos über die Zeilen wandern werden. Supersupersüß geschrieben… das mit dem Leuchtturmlicht. Danke für deinen lieben Kommentar und …. ach jahaha, viel Spaß auf der Leipziger Buchmesse. 🙂

    Liebste Grüße,
    Tanja

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