… und die See hat keine Erinnerung! „Sturmwarnung“ von Stefan Kruecken und Jürgen Schwandt

sturmwarnung

Hamburg! Eine Millionenstadt und für die meisten Nordlichter die Perle des Nordens. Berühmte Persönlichkeiten wie Hans Albers oder Heidi Kabel haben hier ihren Namenszug hinterlassen. Sie wurden zu Ikonen einer Stadt, welche in den zurückliegenden Jahrzehnten so unglaublich schnell an Ansehen gewann und mit Metropolen wie Berlin oder München nicht nur Schritt halten konnte. Fragt man die Norddeutschen nach der schönsten Stadt, wird oft die Hansestadt genannt. Das „Tor zur Welt“ war jedoch auch lange Zeit ein Symbol für Aufbruch, Fernweh und der Sehnsucht nach Abenteuern auf hoher See. Ein Mann, der diese Zeiten am eigenen Leib erfuhr und diese nun als Buch veröffentlicht hat, ist Kapitän a. D. Jürgen Schwandt.

sturmwarnung

LIFE IS JUST A PASSING MOMENT ON A NEVERENDING TRAIL – THOUGH MY PATHWAY WANDERS FOR A WHILE – SOMEDAY MY SHIP WILL SAIL

Dieses Zitat aus einem Song von Johnny Cash findet sich direkt zu Beginn dieses Buches. Jürgen Schwandt macht gleich zu Beginn deutlich, dass er noch immer ein Seemann ist. Wer diesen Mann sieht, wenn man von ihm liest oder sogar hört, kann man auch nichts anderes annehmen. Das Leben auf hoher See war für ihn zu Beginn vielmehr eine Flucht. Die Sehnsucht, das Fernweh, ergriff den jungen Schwandt im Arbeiterviertel von Sankt Georg. Der Krieg, die zerstörten Straßenzüge, das schlechte Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater – all´ diese Umstände zogen Jürgen Schwandt Richtung Hafen – zum Tor zur Welt.

Vielleicht habe ich zu Beginn gedacht, dass sich dieses Buch wie eine „typische Seemannsgeschichte“ liest. Doch schnell zeigen die Erzählungen des ehemaligen Kapitäns, dass es nicht so einfach ist, diese „Schublade“ zu öffnen. Seine Autobiographie zeichnet das Bild eines Mannes, der in der Abgeschiedenheit auf hoher See Ruhe und Frieden gefunden hat. Seine Arbeit und die damit einhergehenden Begegnungen und Freundschaften wurzeln in der Liebe zur Seefahrt. Diese Sehnsucht hielt sich bis ins hohe Alter und es sind besonders diese Zeilen, die dieses Buch so lesens- und liebenswert machen.

„Mein Leben war ein großes Abenteuer. Ich möchte nicht einen Tag und eine Reise missen.“ Seite 160

Jürgen Schwandt hasst es, eine „Landratte“ zu sein. Ihn zieht es immer wieder auf´s Wasser. Das Meer ist seine wahre Heimat – auch wenn Hamburg einen besonderen Platz in seinem Herzen einnimmt.

Es ist jedoch noch viel mehr, als eine Aneinanderreihung von „Seemannsgeschichten“. Jürgen Schwandt beschäftigt sich mit unserer Gesellschaft und wie sie sich in den letzten Jahren wandelte. Dabei setzt er gekonnt kurze Anekdoten in Szene, welche mir sofort bekannt vorgekommen sind. Schließlich haben fast alle von uns bereits solche Begegnungen oder Gespräche aufgefangen, welche wir beim Schlendern durch die Stadt oder auf einer Fahrt mit der U-Bahn mitbekamen.

Neben aktuellen Themen wie Flüchtlingspolitik, soziale (Un)Gerechtigkeit und das eigene Alter mit all´ seinen Schwierigkeiten, steht ein Thema besonders hoch im Kurs: Das Aufkeimen des Fremdenhasses. Jürgen Schwandt nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht in aller Deutlichkeit seine Wut und Enttäuschung über diese Entwicklung aus.

„Auf meinen Reisen habe ich überall auf der Welt gute Menschen kennengelernt. Und auch ein paar Arschgeigen. Das hat nichts mit Hautfarbe, Pass oder Religion zu tun.“ Seite 101

Schwandt möchte stets mitreden können. Er möchte sich einmischen und nicht ungehört oder – noch schlimmer – sich nicht Ernst genommen fühlen. Schließlich ergab sich die Möglichkeit, mit einer Kolumne in einer Hamburger Zeitung auf sich aufmerksam zu machen. Stefan Kruecken, welcher zusammen mit Jürgen Schwandt an diesem Buch arbeitete und es zur Veröffentlichung brachte, gehört zu seinen Förderern beim Ankerherz-Verlag und sicherlich war es auch seinem Zutun zu verdanken, dass es zur Veröffentlichung kam. Mittlerweile gibt es keine neuen Kolumnen mehr, was ich sehr bedauere. Jürgen Schwandt musste sich vor kurzer Zeit einer Operation unterziehen und wer sein Buch liest merkt sehr schnell, dass er den „Kittelträgern“ nicht das höchste Maß an Aufmerksamkeit schenkt. Zwar hat er den Eingriff gut überstanden, doch eine Fortsetzung seiner beliebten Kolumne ist nicht möglich.

Was bleibt? Mit welchem Gefühl habe ich dieses Buch zugeschlagen? Jürgen Schwandt und sein „Ghostwriter“ Stefan Kruecken haben mir eine Reise geschenkt, die ich dankbar annehmen konnte. Das Leben dieses Mannes ist ein großes Abenteuer – mit vielen Zigaretten und harten Alkoholexzessen. Sehnsucht und Fernweh wechseln sich mit aktuellen Themen und Anekdoten ab und machen diese Reise spannend und unterhaltsam.

Sturmwarnung – Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt, 191 Seiten, Autoren: Stefan Kruecken, Jürgen Schwandt, Ankerherz Verlag, ISBN 978-3-945877-00-5

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