Toni Morrison - Gott hilf dem Kind
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Toni Morrison – Gott hilf dem Kind

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5. Juni 2017

Lula Ann ist nicht erwünscht! Sie ist keine Revolutionärin oder eines dieser „Problemkinder“, welche in zwielichtige Machenschaften verstrickt sind und deren Leben nur zwei Wege einschlagen können: Der Weg in die Gosse oder in den Knast!

Nein – Lula Ann ist scharz – pechschwarz. Ihre Mutter sieht in ihr nur Probleme. Die Blicke der Anderen, die mit hässlichen Beleidigungen und Erniedrigungen das Leben ihrer Tochter beeinflussen werden. Davon ist Sweetness, wie sie von Lula Ann genannt werden darf, felsenfest überzeugt.

Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz. […] Teer ist der beste Vergleich, der mir einfällt, aber ihr Haar passt nicht zu dieser Haut. Es ist anders – glatt, aber lockig wie bei diesen nackten Stämmen in Australien. Man könnte sie für einen Rückfall halten, aber wohin? S. 11

Die fehlende Anerkennung macht Lula Ann zu schaffen. Sie nennt sich nun Bride, denn auch wenn ihre Mutter nur Probleme im Leben ihrer Tochter zu sehen scheint, gelingt Bride eine außerordentliche Karriere. Sie ist bildhübsch und nach einem modischen Wandel ein echter Hingucker – sowohl in der Damen- als auch in der Herrenwelt.

Doch noch in ihrer Kindheit ereignet sich ein Skandal, der ihr Leben für lange Zeit bestimmen wird. Er wird Gegenstand hitziger Diskussionen mit ihrem Lebensgefährten, mit ihrer besten Freundin und mit einer Angeklagten, die durch die Aussage der noch jungen Lula Ann langfristig ins Gefängnis muss. Doch wo liegt der Antrieb der jungen erfolgreichen Bride? Warum trifft sie solche fragwürdigen Entscheidungen und hinterlässt ratlose Gesichter?

Toni Morrison gehört zu den wichtigsten Schriftstellerinnen in den USA. Die Literatur Nobelpreisträgerin von 1993 schreibt gern über starke Frauen in einem gespaltenen Land. Irgendwann musste eines ihrer Werke auch den Weg in unser Buchregal finden. Nun ist es „Gott, hilf dem Kind“ geworden! Am Ende dieser Reise bin ich selbst ein wenig gespalten. Es ist eine Erzählung geworden, die gepflastert wird mit Schicksalsschlägen. Neben der Protagonistin gibt es nicht eine (!) Person, die nicht einen dunklen Fleck auf der Seele aufweist. Fast stereotypisch werden Charaktere vorgestellt, an welchen man sich reiben könnte.

Aus einem „Schrei nach Liebe“ heraus entscheidet sich Bride für einen Weg, der unfreiwillig viele Fragen aufwirft und sie die nächsten Jahre nicht zur Ruhe kommen lassen wird. Morrison lässt die Leserschaft lange Zeit mit den Charakteren allein. Man lernt sie kennen, hinterfragt einige Entscheidungen – doch die treibende Kraft bleibt Bride. Ihr Weg wirkt chaotisch und überstürzt. Erst nach Beendigung der Hälfte dieser Erzählung lichtet sich das Bild ein wenig. Die Sicht wird klarer. Das Ende bietet schlussendlich den Aha-Effekt. Doch ist es wirklich „eine Geschichte voller Kraft, so zwingend wie ergreifend, leidenschaftlich und lange nachklingend“ (The New York Times)?

Ja, es ist eine gelungene Erzählung. Sie zeigt den noch immer vorhandenen Rassismus in den USA auf und die damit verbundenen Probleme. In dieser harten Welt versucht Sweetness alles, um ihre Tochter zu schützen. Auch wenn sie dabei ihre Mutterrolle anders auslebt, als es sich die Leserschaft wünschen würde. Bride härtet sich in vielen Bereichen ihres Lebens ab. Doch der Wunsch nach Anerkennung, Wertschätzung und – vorallem – Liebe ist raumübergreifender, als alles andere.

Sweetness wendet sich zum Ende dieser Erzählung an Bride. Ihre warnenden Worte stehen nicht nur für das Ende dieses Romans – sie ziehen sich durch die gesamte Entwicklung dieser Reise.

Hör mich an. Du wirst rasch herausfinden, was es mit sich bringt, wie die Welt reagiert, was es bedeutet und wie es dich verändert, wenn du eine Mutter bist. Viel Glück, und Gott, hilf dem Kind. S. 204

Toni Morrison wurde 1931 in Lorain, Ohio, USA geboren. Sie studierte an der renommierten Cornell University Anglistik und hatte an der Princeton University eine Professur für afroamerikanische Literatur inne. Sie ist Mitglied des National Council on the Arts und der American Academy of Arts and Letters. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

Toni Morrison, Roman: “ GOTT, HILF dem KIND“, ROWOHLT Verlag , ISBN 978-3-498-04531-9

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2 Comments
  1. Antworten

    wortsonate

    6. Juni 2017

    Ich habe schon lange nicht mehr Toni Morrison gelesen, aber von dem Buch viel positives. Deine Buchvorstellung gefällt mir, ich werde es jetzt lesen.

  2. Antworten

    Oliver

    7. Juni 2017

    Danke „Wortsonate“! Sende uns doch deine Leseeindrücke, wenn du Lula Ann begleitet hast. Ich bin auf deine Sichtweise sehr gespannt!
    Liebe Grüße, Olli

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