Polderpoesie – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden

Polderpoesie

Polderpoesie. Wie ein Vagabund suche ich nach dem Verborgenen. Nach kunstvollen Wortgebilden, nach dem Wetterleuchten, nach Neuland und weiteren Schätzen. All´ das habe ich in 391 Seiten, mit mehr als 130 Gedichten von 21 jungen flämischen und niederländischen Autorinnen und Autoren im [SIC] Literaturverlag gefunden. Und jetzt bin ich gefangen in der Anthologie Polderpoesie – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden, Hrsg. von S. Wieczorek und C.Wenzel. Die Gedichte sind zweisprachig abgedruckt. Auf der linken Seite ist das Gedicht in Niederländisch, und auf der rechten Seite ist der Text ins Deutsche übersetzt zu lesen. Wenn ich umblättere oder einfach das Buch mittendrin aufschlage, ist der Sound immer ein anderer. Die Melodie klingt durch. Wie Tag und Nacht. Mal hell, mal düster… spüre ich nicht in allen, aber in vielen Texten den Puls der Zeit. Das ist, was manche bisweilen als einen poetischen Schnappschuss bezeichnen. Oft bleibe ich zwischen den Zeilen stecken, halte inne, und versuche zu verstehen. Auf meine Weise. In Maud Vanhauwaerts Gedicht ´In unsren Träumen laufen wir auf Stelzen` mag ich die phantasievolle, wenngleich auch düstere Vorstellung, auf Stelzen von oben herab auf das Leben zurückzublicken. Das ist, als würde man zwischen zwei Welten spazieren gehen. Vielleicht ist damit die existenzielle Frage gemeint, die sich wohl jeder am Ende stellt. Werden wir uns wiedersehen? In einem weiteren Gedicht von Vanhauwaert, versuche ich meine verstaubten Gedanken zu verrücken. Es ist gar nicht so einfach. Ich muss mich öffnen, um das Ganze zu fassen, wie in einem Gedicht von Max Temmerman, 1975, Brasschaat. Dichter, Produzent, Regisseur. Die Totenpferde von Claus drängen sich auf. Sie ziehen eine Kutsche, / bilden eine Marche funèbre in einer mittelalterlichen Straße. / […] Mit  „Wie die alten Dichter Recht behalten / quält, füllt den Raum“, schließt er. Diese letzte Zeile, nein das ganze Wortgebilde fasziniert und irritiert. Möglicherweise sind die Totenpferde und der Kutscher in dieser Dichtung, eine Anspielung an den kühnen Karl, oder an den berühmt berüchtigten flämischen Schriftsteller Hugo Maurice Julien Claus. „Bildsprache für ein Leben“

Maud Vanhauwaert 1984, Veurne. Lyrikerin. Essayistin. Performerin.

Sie sagt, … Dass wir flexibel / sein sollen wie ein Verb, das sich den / Menschen und der Zeit anpasst. Und dass / wir unsere Gedanken verrücken sollen, wie / wir das manchmal mit Möbeln machen: um / den Staub zu sehen, der darunter liegt […]

Manchmal reichen die ersten Verszeilen aus, um der Überzeugung zu sein, den Schriftsteller in seiner bzw. ihrer Intension zu verstehen. Doch dann passiert etwas, womit man nicht rechnet. Die nächsten Zeilen verändern alles, und das zuerst Gedachte verschwimmt. Maud Vanhauwaert schreibt über das Leben, den Tod, die Hoffnungslosigkeit – über alltägliche Themen. Ich mag ihren Stil, denn ich bin über das Seil surrealer Szenarien in die Wirklichkeit balanciert. Und der weite Blick in bekannte und unbekannte Gefilde des Erlebens hat mich fasziniert und berauscht. Oh ja, jede Zeile ist eine kleine Kostbarkeit.

Einmal lag so viel Staub unter den Gedanken / ihres Vaters, dass er sich verknäulte zu / einem Biber, einem nassen Biber, der noch / immer durchs Wohnzimmer irrt_ S. 339

 

Polderpoesie

Alle 21 Dichter vorzustellen würde den Rahmen sprengen, aber während ich so durchblätterte, stieß ich auf zwei Totengedichte aus der Feder des flämischen Dichters Maarten Inghels, das aus einem sozialen Projekt herausgepflückt und in diese Anthologie mit aufgenommen wurde. Das gemeinschaftliche niederländische und flämische Projekt „De eenzame uitvaart / Das einsame Begräbnis“, das im November 2002 von dem in Amsterdam lebenden Dichter F. Starik (geb. 1958) initiiert wurde und seit 2009 von Maarten Inghels in Antwerpen koordiniert wird, wird im Anhang nebst weiteren Informationen zu den Autoren, ihren Werken und deren Übersetzern kurz und knapp erwähnt. Die Idee einer solidarischen Gemeinschaft, die über den Tod hinaus geht, indem ein Dichter oder eine Dichterin am Grab des Verstorbenen ein persönlich verfasstes Gedicht als einen letzten Gruß vorträgt, wie in dem Gedicht „Eine Moschee“ mit der Widmung für Elhassan Ougfa (1974-2008) und dem Gedicht „Soviel Aufmerksamkeit waren Sie wohl nicht gewöhnt“ für  Nguyen Van Kham (1954-2010), ist großartig und hat mich tief berührt.

Marboei – Maarten Inghels from BW H ontwerpers on Vimeo.

Polder sind typische Landschaften Flanderns und der Niederlande. Polder sind neues Land, das dem Meer abgerungen wurde.

Polderpoesie ist der Anfang eines Streifzuges durch eine beeindruckende Lyrik- und Literaturlandschaft, querfeldein durch die Polder. Das Buch sowie viele Beiträge zur Buchmesse 2016 zeigen, wie bunt und vielfältig die Lyrikszene ist. Allerorts begegnet man der Poesie. Sogar entlang der Maas habe ich mal eine aufgestellte Tafel entdeckt. Wie unsere Nachbarn Poesie leben und erleben, hat Jochen Kienbaum von lustauflesen.de ganz wunderbar zusammengefasst. Das Buch ist ebenso ein Ansporn, sich ein bisschen mehr der Lyrik der Gegenwart zuzuwenden. Zu meinen herausgepickten Favoriten gehören einige Gedichte. Auch solche, über die man sich schmunzelnd auf die Schenkel klopft. Notiert hatte ich u. a. Maarten Inghels mit dem Gedicht „Besuch Nr. 12618“ auf S. 149 und auf S. 75 Anne Büdgen mit „Ich schreibe ihnen noch“. Nun denn. Ich bin noch nicht am Ziel meiner Reise angelangt, denn ich schleppe einen beachtlichen Stapel Lesestoff mit mir herum. Der Rucksack ist aufgeschnallt und ich setze meine Wanderung fort. Durch die Polder zum nächsten Hof.

Polderpoesie – Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden, Dichtung, Sprache: Niederländisch, Deutsch, 391 Seiten, Hrsg von S. Wieczorek und C.Wenzel, [SIC] Literaturverlag, ISBN: 978-3-9813587-4-2

Jan-Willem Anker · Maria Barnas · Tsead Bruinja · Anne Büdgen · Yannick Dangre · Ellen Deckwitz · Annemarie Estor · Andy Fierens · Maarten Inghels · Thomas Möhlmann · Els Moors · Ruth Lasters · Delphine Lecompte · Ramsey Nasr · Ester Naomi Perquin · Alfred Schaffer · Mustafa Stitou · Max Temmerman · Vrouwkje Tuinman · Maud Vanhauwaert · Tom Van de Voorde

Übersetzt von Stefan Wieczorek, Ard Posthuma, Gregor Seferens,
Rosemarie Still und Waltraud Hüsmert

 

Buchvorstellung  und Infos zu „Das einsame Begräbnis – Geschichten und Gedichte zu vergessenen Leben“ (Deutsche Erstausgabe): „978-3 Neues aus unabhängigen Verlagen / Edition Korrespondenzen„.Polderpoesie: Gedichtfelder / Fixpoetry von Monika Vasik , Flandern und die Niederlande (PDF)

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

2 Kommentare

  1. Liebe Tanja,

    ich habe bisher ja leider noch keinen rechten Zugang zur Lyrik gefunden. Dennoch habe ich deine Zeilen sehr gern gelesen – zum einen weil man in jedem einzelnen Wort deine Begeisterung für die Sammlung spürt und dir bei deinen Gedanken folgt, als würdest du die Gedichte gerade jetzt gemeinsam mit uns lesen; zum anderen mag ich aber auch die Niederlande und die Mentalität der meisten Niederländer sehr.
    Danke daher für diese kleine Ent-/Verführung!

    Beste Grüße und morgen einen wundervollen Start ins Wochenende wünscht euch beiden
    Karten

    • Liebe Kathrin, auch wenn du bisher keinen Zugang zur Lyrik gefunden hast, ich weiß wo wir uns beide wohlfühlen würden. Forsche doch mal nach Wall Poems in Leiden. Ich danke für deine lieben Worte und wünsche Dir und deinem Mann ebenfalls ein schönes Wochenende.

      Liebste Grüße!

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