In einer fremden Stadt – „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier ist mehr eine märchenhafte Parabel als ein Roman; die Geschichte handelt von einem namenlosen Mädchen in einer fremden Stadt. Sie ist ein Flüchtlings- oder Straßenkind, das irgendwo in Europa auf der Straße lebt.

»Sie hatte beobachtet wie man den Deckel zurückschieben muss, um den Container zu öffnen. Es war ganz leicht gewesen. Sie konnte nichts anderes denken, als dass in allen Containern der Welt gute Dinge aufbewahrt seien.«

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Die Atmosphäre, sofern man sie vernehmen kann, lässt erst vermuten, dass diese zum Teil auch sehr obskure Geschichte im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Doch dann stellt man verdattert fest, dass die Straßenkinder sogar U-Bahn fahren. Natürlich schwarz. Zuweilen hat mich diese schmale Lektüre an „Oliver Twist“ erinnert, nämlich dann, wenn die Jungen Yiza, so wird das Mädchen später von Schamhan und Arian genannt, an die Hand nehmen und mit ihr auf Diebestour gehen. Stets sind sie auf der Flucht. Entdeckt zu werden würde bedeuten, zurückgeschickt zu werden und wir wissen nur so viel, das Schamhan und Arian eine andere Sprache sprechen. Genaueres über ihr Schicksal und ihre Herkunft erfährt man nicht. Nur kurz reden die Jungen von ihren Ängsten, Träumen und Sehnsüchten und selbst sie erfahren zu keinem Zeitpunkt, was der erst 6-jährigen Yiza widerfahren ist oder was ihr im Kopf umhergeht. Nur stellen sie für sich selbst fest, das es Yiza, im Gegensatz zu ihnen, deutlich einfacher haben würde, weil sie ein Mädchen ist.  So denken sie:  Jeder würde das kleine Mädchen lieben. Zu Beginn trifft Yiza sich immer mit einem Onkel. Ob es jedoch tatsächlich ihr richtiger Onkel ist, bezweifle ich. Am Marktplatz ging sie für ihn betteln. Von ihm hatte sie alles wichtige gelernt, um auf der Straße zurechtzukommen. Von Schamhan und Arian lernt sie zudem, wie man sich unsichtbar macht.

Ich mag mir gerne vorstellen, dass der Name Yiza ein Kosename ist, abgeleitet von Yaiza. Es bedeutet Lichtstrahl oder Regenbogen.

So hochgelobt in der Presse und überall, halte ich den reduzierten poetischen Sprachstil, welchen Michael Köhlmeier abwechselnd, mal in der auktorialen und mal in der personellen Perspektive nutzt, insbesondere das Stilmittel der ständigen Wiederholung, für recht gewöhnungsbedürftig. So hatte ich sehr wohl meine Probleme, mich in dieser knapp 140 Seiten umfassenden Lektüre hineinzufühlen.

Köhlmeier, der hier örtliche und zeitliche Gegebenheiten, wie auch Emotionen komplett auslässt, wirft Fragen über die Moral und ethische Grundsätze innerhalb unserer Gesellschaft auf, wenn allein der Herkunft wegen diskriminiert und stigmatisiert wird. So jedenfalls interpretiere ich den Text. Wie nah diese fiktive Geschichte an der Wirklichkeit dran ist, zeigt sich besonders in einer Situation, indem sich einer der Jungen die Mütze so tief ins Gesicht zieht, das man seine buschigen Augenbrauen nicht sieht – würden sie doch deutlich machen, dass er fremd ist. Diese Beschreibung passt natürlich perfekt in die aktuelle Situation zum Thema „Flucht“. Ein Thema, das derzeit nahezu in jeder Verlagsvorschau präsent ist. Diese Kinder sind ständig auf der Flucht vor der Polizei, so dass ich kurz den Gedanken hatte, dass es sich hier ebenso gut um Straßenkinder handeln könnte, wie wir sie in jeder Stadt sehen, und wie wir an ihnen vorbeigehen, ohne sie anzuschauen; höchstens vielleicht mit einem verschämten Blick?

Vielleicht ist es nicht gerade ratsam „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ im Strandkorb zu lesen. Es ist nicht einfach, sich in diese klirrend kalten Winternächte hineinzufühlen, wenn die Sonne scheint und ich das Meer rauschen höre. Obwohl sich in der Sprache diese zum Teil auch unheimliche Kälte widerspiegelt, ist diese Erzählung wie eine Falltür, die in eine Sackgasse führt. Das Fremde bleibt fremd und ich kann kein Empfinden für das aufbringen, was ich gerade gelesen habe. Nicht für die Jungen Arian und Schamhan, und auch nicht für das arme Mädchen.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Autor Michael Köhlmeier, dessen vorangegangenes Werk, so scheint es, immer noch in aller Munde ist. Nachdem ich einen sehr interessanten Artikel auf kultumea.de gelesen habe, frage ich mich, inwieweit sich »Zwei Herren am Strand« und »Das Mädchen mit dem Fingerhut« stilistisch voneinander unterscheiden. Ich bin versucht, mir den Roman zuzulegen, um das herauszufinden. Mit viel Glück werde ich mit einer vergnüglicheren Reise belohnt und demnächst darüber berichten.

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser Verlag,  144 Seiten, ISBN 978-3-446-25055-0

So zärtlich war Suleyken von Siegfried Lenz / masurische Geschichten

So zärtlich war Suleken von Siegfried Lenz

»Es war einmal ein zärtliches Dörfchen. Suleyken genannt, gelegen irgendwo und nirgendwo in Masuren, zu erreichen – wie allerorten bekannt und in diesen Geschichten nachzulesen – mit einer Kleinbahn namens Popp, bequemer jedoch mit der Phantasie.« – Siegfried Lenz

Aquarell Zeichnung: Rapsfeld

Starke Bauern schreiten – Hinter Pferd und Pflug – Über Ackerbreiten – Streicht der Vogelzug. Erich Hannighofer (1908–1945). Für Abenteurer u. Fotografen: Faszination Masuren, Reise + Fotoworkshop

»Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging. Die Sache: darunter ist zu verstehen ein Überfall des Generals Wawrila, der unter Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen aufbrach und nach Masuren, genauer nach Suleyken, seine Hand ausstreckte.«

Ein kurzweiliges Vergnügen ist die Novelle „So zärtlich war Suleyken“ von Siegfried Lenz. Sie kurbelt bei mir die Verdauung zu gelesenen Büchern an, die vielleich noch immer, wie große Steine im Magen liegen. Den Großvater des ICH Erzählers Hamilkar Schaß, Leseteufel und Held der kulkaner Füsiliere, habe ich direkt vor Augen, wenn er pfeifend an mir vorbeischlendert. Genauso ergeht es mir mit dem Tantchen Arafa oder im Wanderzirkus von Anita Schiebukat, eigentlich mit fast allen Leutchen, die man hier und dort in den Geschichten, zwanzig sind es an der Zahl, begegnet.

Die Sprache und Art des Erzählens ist eine ganz eigene; sie ist insbesondere durch die Charaktere, durch deren Verhalten und Mundart, Mimik und Gestik, bildhaft einprägsam und gerade deshalb so unverwechselbar und köstlich zu lesen.  Kurz um: Die Geschichten sind grotesk und liebenswert! Oh ja, man kann sich in die Seiten verlieben. Sich daraus vorlesen zu lassen, steigert das Erleben. Gleichwohl kommt es auf den Vorleser an. Ich kann mich nicht beklagen.

Siegfried Lenz ist am 17. März 1926 in Lyck geboren. Das ist ein kleiner Landstrich im ehemaligen Ostpreußen, welchen er in „So zärtlich war Suleyken“ sozusagen huldigt.  In den Erzählungen liest man heraus, was von der Heimat geblieben ist. Der Schalk im Nacken und damit der feine und trockene Humor, die Mundart, die Menschen und die Erinnerung.

»Der masurische Humor erscheint mir, wie eine Aufforderung zur Nachsicht der Welt mit den Leuten.« – Siegfried Lenz

Heute noch kann man die Spuren der Vergangenheit  im polnischen Ermland und Masuren sehen. Vor allem die der Kreuzritter, dort an diesem dünn besiedelten und geschichtsträchtigen Ort, im Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen.  Aber was ist mit den Menschen? Wird man sich an sie erinnern, an ihre Sprache, ihren Humor und an ihre uralte Kultur? Die Erzählungen von Siegfried Lenz sind einzigartig, weil er wie kein anderer so zärtlich und köstlich Land und Leute beschreibt und an sie erinnert. Jedesmal wenn ich das Buch lese, werde ich vom Glück geküsst. Das Glück, dass man Erzähltes immer wieder anders erleben, lesen oder hören kann, bietet sich selten an. Genauso wie das seltene Glück, wenn man die Figuren sprechen hört. Keine Frage, dieses schmale Bändchen des großen Schriftstellers Siegfried Lenz,  hat in meinem Regal ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Und zwar in der ersten Reihe – quasi mit Fensterblick hinaus ins Grüne.

Autor: Siegfried Lenz / Hausverlag: Hoffmann & Campe  / Titel: „So zärtlich war Suleyken“  Diese erste Kurzgeschichtensammlung ist erstmals im Jahr 1955 erschienen. Seither sind unzählige Neuauflagen und Sonderausgaben von all` seinen berühmten Werken veröffentlicht worden, unter anderem bei DTV und den S. Fischer Taschenbuchverlagen.

Sarah Kuttner – 180° Meer

180° Meer von Sarah Kuttner

Sarah Kuttner hat mit „180° Meer“ einen Roman geschrieben, welcher nicht nur im Ton und in der manchmal zu einseitigen Konfrontation, an die depressive Karo aus einem ihrer vorangegangenen Romane erinnert, sondern auch an die für Kuttner typische Schwätzigkeit. Es wird weit ausgeholt, philosophiert und schwadroniert. Warum ich ihr neuestes Werk dennoch gerne gelesen habe, liegt an der eigentümlichen und schroffen Art der ICH-Erzählerin Jule. Ich war also wild entschlossen herauszubekommen, warum Jule so ist wie sie ist. So kalt, so herzlos!

»Michonne mit dem Schwert. Das bin ich.« S. 205

Ich habe Jule erst von ihrer dunklen Seite kennengelernt. Geld hat sie mit Auftritten als Sängerin in irgend so einer Berliner Spelunke verdient. Vom Lebensgefühl und der Leidenschaft, welche eigentlich vom SOUL ausgeht, spüre ich nichts. Nur der Blues, Jules innere Zerrissenheit und ihre Gleichgültigkeit geht unter die Haut. Sie ist wie ein  Eisblock, von dem alles abprallt. Unschuldig flüchtet Jule sich nach der Arbeit in die Achselhöhle von Tim, ihrem Freund. Einer der wenigen Menschen, denen sie vertraut. Als dieser durch Zufall von einem Bandkollegen erfährt, dass Jule ihn betrogen hat, sind es nicht die vielen Worte die Jule dazu veranlassen alles stehen und liegen zu lassen und abzuhauen. Es ist nur ein Blick, welcher so viel mehr sagt.  Jule bucht sich einen Flug nach Heathrow um ihren Bruder Jacob zu besuchen. Vor allem will sie sich jedoch von den Menschenmassen tragen lassen. U-Bahn fahren, flüchten, davon treiben, alles vergessen. Doch was sie eigentlich sucht ist 180° Meer.

180-Grad-Meer-von-Sarah-Kuttner

»Keine Selbstanalysen, kein sich permanent selbst Beobachten, kein die gesunde Mitte finden. Generell nicht dauernd nachdenken, nachfühlen. Nur ganz oder gar nicht, Liebe oder Hass. Ich habe beides in rauen Mengen in mir. Warum kann das nicht reichen? Warum muss gesprochen und verändert und bemüht werden? Lasst uns nehmen, was wir kriegen können, und einfach gehen, wenn es nicht genug ist. Liebe oder Verachtung. So einfach.« S. 28

Bei ihrem Bruder Jakob angekommen, trifft Jule auf ein paar der anwesenden WG Bewohner. Tereza wird im Prinzip nur beiläufig erwähnt. Sie hat einen Hund namens Bruno, um den sie sich nicht kümmert. Jule die den Vierbeiner mit „Arschlochtöle“ ruft, erkennt, das die beiden etwas verbindet. Dann ist da noch Rosa. Rosa wohnt Mutterrolle und brasilianisches Feuer inne, sie ist in diesem Roman der liebenswerte und fürsorgliche Gegenpol, zur ansonsten so depressiven und nachdenklichen Stimmung.

Als Jule während eines gemütlichen Gesprächs auf der WG-Dachterasse von ihrem Bruder erfährt, dass Michael (Jules Vater) an Krebs erkrankt ist, rotzt Jule ihm ihre Gleichgültigkeit und Anteilnahmslosigkeit, all` ihren Hass, direkt vor die Füße. So das man sich fragt: Hola, was ist hier denn los? Das ist so ganz Berliner Kodderschnauze wa? Es gibt unzählige Situationen, in denen Jule so richtig aus der Haut fährt. Dieser Ausbruch, er ist zunächst nicht wirklich nachzuvollziehen, weil die Emotionen und gedanklichen Sprachfetzen teilweise so wirr und zusammenhangslos sind, dass man sie nur schwer fassen kann.  Nach außen zeigt Jule sich stark, unnahbar und unangreifbar. Im Inneren der Schale steckt jedoch ein weicher Kern und so wird offenbart, wie es wirklich in Jule aussieht.

Kurz bevor ich einschlafe, bäumt sich noch etwas in mir auf, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob Tim noch wach ist. »Weißte, kann schon sein, dass es schwerer ist, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht mag. Aber auf der anderen Seite muss so jemand vielleicht ganz besonders liebgehabt werden. Als Unterstützung quasi. Wie Stützräder. Solche Leute brauchen Stützräder. So!« S. 129

Sarah Kuttner (* 29. Januar 1979 in Ost-Berlin) ist eine deutsche Fernsehmoderatorin, Autorin, Kolumnistin und lebt in Berlin. Die Tochter des bekannten Radiomoderators Jürgen Kuttner erlangte Bekanntheit durch ihre Arbeit als Moderatorin bei Viva, MTV und der ARD. Aktuell moderiert sie auf ZDFneo ihr eigenes Talkshowformat ›Kuttner plus Zwei‹. ›180° Meer‹ ist ihr dritter Roman, erschienen im S. Fischer Verlag.

Fazit:
„180° Meer“ ist eine Geschichte, über das gestörte Verhältnis zu Vater und Mutter. Und das Meer, diese 180° Drehung, die das Leben wendet, auf den Kopf stellt und umkrempelt. Genau darum geht es hier! Es ist vergleichbar mit einer Welle, die den verirrten und in Seenot geratenen Schwimmer wieder an Land spült.

x Autor: Sarah Kuttner
x Titel:  180° Meer
x Genre: Roman, junge Literatur
x 270 Seiten
x S. Fischer
x ISBN: 978-3-10-002494-7

Astrid Lindgren „Die Menschheit hat den Verstand verloren – Tagebücher von 1939 bis 1945″

Astrid Lindgren - "Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Tagebücher 1939 bis 1945)

Über die Kriegsjahre hinweg schrieb Astrid Lindgren Tagebuch. Insgesamt soll es sich um 17 mit Zeitungsausschnitten, Fotos und Tinte gefüllte Notizbücher handeln, in denen sie den Kriegsverlauf aus der Sicht Schwedens und aus ihrer politisch interessierten und beobachtenden Perspektive akribisch festgehalten hat.

Obwohl ich diese schöne Ausgabe bereits im Januar ausgelesen hatte, beschäftigt sie mich noch immer. Vielleicht, weil sich Hässlichkeiten, oft auch das Unvorstellbare vor unseren Augen wiederholt. Der Titel passt zum aktuellen Weltgeschehen „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Überhaupt sind sehr viele Parallelen zu erkennen; und ehrlich gesagt erschreckt mich das. Die ersten Seiten beginnen mit einem Vorwort zur Person Astrid Lindgren und einer ausführlichen Zusammenfassung der Tagebuchaufzeichnungen. Was dieses Werk mitunter so interessant macht ist, dass uns nie zuvor die „wohlwollende Neutralität“, welche Schweden im zweiten Weltkrieg einnahm und so vom Krieg ausgespart blieb, so deutlich vor Augen geführt wurde. 1943 wird dieser deutschlandfreundliche Kurs sein Ende haben. Einiges spielt mit und sicherlich ist es auch dem Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Russland zuzuschreiben, dass Schweden im Winter 1939 nicht in den militärischen Krieg hineingezogen wurde.

Astrid Lindgren - "Die Menschheit hat den Verstand verloren" (Tagebücher 1939 bis 1945)

Aber von vorn! Mit Beginn des Krieges geht von Astrid Lindgren ein erstauntes Entsetzen aus, denn das hatte man dem, wie sie so schön schrieb „kleinen irren Hitler“, nicht zugetraut. Derweil rückte die rote Armee mit der Besetzung der baltischen Staaten und dem Winterkrieg, der im November 1939 an der finnisch-sowjetischen Grenze ausbrach, immer näher.

„Bei Elsa Gullander habe ich Sonntag eine Finnin getroffen, die furchtbare Sachen erzählt hat vom finnischen Krieg und wie die Russen ihre Gefangenen behandelt haben.“ (S. 62)

Dieser Eindruck im Juni 1940, die Ängste der schwedischen Bevölkerung und Lindgrens eigenen, hatte sogar dazu geführt, dass sie und ihre Nachbarn in Stalin eine größere Bedrohung sahen, als in Hitler. Aber es dauert nicht lange, bis die Schweden immer mehr Einzelheiten von der schrecklichen Barbarei der Deutschen erfahren. 1941 schrieb sie zum wiederholten Mal:

„Schade, dass man diesen Hitler nicht einfach erschießt.“

Die Nachrichten zum weltpolitischen Geschehen aus dem Radio und den Zeitungen kommentiert Astrid Lindgren mit Entsetzen, Scharfsinn und manchmal auch mit Witz. Auf ihre ganz eigene charmante bezaubernde Art. Doch zunächst zitiert sie die Nachrichten, bevor sie ihre eigenen Gedanken mit einfließen lässt. Astrid Lindgren hat aufgeschrieben, wie sich der Krieg durch minimale Einschränkungen bemerkbar gemacht hat. Kohle, Waschmittel, Butter, Milch und Zucker wurden rationiert. Im Buch ist das ein großes Thema; besonders unter den Hausfrauen in Lindgrens näherer Umgebung. Und natürlich ist beschrieben, wie sich die Kriegsjahre für ihre Familie, Nachbarn und Freunde in Schweden gestalteten. Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr Mann Sture und sie selbst von einigen Vorzügen profitiert haben. Die Schriftstellerin hat dabei ein Bild gezeichnet, das (wie sie übrigens selbst schrieb) in manchen Momenten fast surreal anmutet. Zum Beispiel, wenn man von Festen, ausgedehnten Spaziergängen oder von Ausflügen ins beschauliche Småland liest.

„Abends war ich bei Anne-Marie und Stellan. Wir sind im Schein des Vollmondes um Sora Essingen spaziert, in der Nase den Duft von Lindenblüten und Traubenkirsche. Himmlisch, himmlisch! Aber die Deutschen dringen im Eiltempo vor; nichts kann sie aufhalten.“(59)

Astrids Lindgren und ihre Geschichten  / „Richtig glücklich bin ich nur, wenn ich schreibe.“ – Astrid Lindgren

Ich hatte als Kind nur ein Buch von ihr gelesen, nämlich die herzergreifende und abenteuerliche Geschichte „Ronja Räubertochter“. Die meisten Lindgren Geschichten kenne ich nur über die Filme. Und ja, wer ist nicht schon mal nach einem Streich mit Michel aus Lönneberga in den Holzschuppen geflüchtet, im Ballon geflogen, oder machte Ferien auf Saltkrokan? Dass die Figur Pippi 1941 – sozusagen im Schatten des Krieges – zum Leben erweckt wurde (Astrid Lindgren erfand sie für ihre Tochter Karin), wird auch in den Tagebüchern thematisiert. Ihren ersten Preis heimste sie sich jedoch mit „Britt-Marie erleichtert ihr Herz“ ein. Nur flüchtig und so ganz nebenbei geht Astrid Lindgren in ihren Tagebüchern auf ihre ersten Schreibversuche ein.

Nach dem Lesen dieses historischen und persönlichen Zeitdokuments und der daraus resultierenden neuen Wahrnehmung, gehen die Geschichten von Astrid Lindgren, wie ich finde, noch viel tiefer.

pippi-langstrumpf

„Leben wir nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte?“ – Pippi Langstrumpf.

Vieles eröffnet sich uns ganz neu, etwa wenn wir von A. Lindgrens Arbeit im geheimen Nachrichtendienst in der Briefzensur und ihrer Kritik zur Politik lesen, oder vom Presseverbot kritischer Zeitungen, das unter der Regierung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Per Albin Hansson angeordnet wurde; oder über das, was ein Teil der schwedischen Bevölkerung über Nachrichten und Zeitungen „möglicherweise“ ziemlich früh gewusst haben muss. Das geht allein schon aus den Zeitungsartikeln, die im Buch als sogenannte Faksimiles abgedruckt und auf den nachfolgenden Seiten in deutscher Übersetzung nachzulesen sind, hervor. Ebenso aus dem Vorwort, geschrieben von Antje Rávic Strubel. 1941 Warschau – Judenstädte hinter hohen Steinmauern. (128 f, 148 f). In der öffentlichen Wahrnehmung findet die Rolle Schwedens im zweiten Weltkrieg kaum Erwähnung. Auch die Recherche im Internet lohnt nicht. Trotzdem ist es allein Schwedens Souveränität zu verdanken, dass dieser vom Krieg verschonte Flecken Erde im Jahr 1943 und in den darauffolgenden Jahren, für viele Menschen zur rettenden Insel wurde.

Selten erfährt der Leser von Astrid Lindgrens eigenem Gemütszustand. Als sich ihr Mann Sture 1944 in eine andere Frau verliebt und sich von ihr trennt, werden die Einträge im letzten Kriegsjahr immer seltener. Sie beschreibt diese für sie sehr schmerzhafte Situation mit Zurückhaltung und Poesie. So schön und traurig zugleich, dass mir während des Lesens ein riesiger Kloß im Halse steckenblieb.

Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. Sonst schreibe ich immer ein wenig darüber, was zuletzt passiert ist. Jetzt kann ich nur schreiben: „Ein Erdrutsch ist über mein Leben hereingebrochen, und ich bleibe einsam und frierend zurück.“

Fazit:

Letztlich und ohne übertreiben zu wollen ist dieses Buch eine Bereicherung für jeden. Obgleich ich mir während des Lesens immer wieder ins Bewusstsein rufen musste, dass es sich hier nicht etwa um ein politisches Manifest handelt, sondern um ein Tagebuch, welches unverfälscht die Eindrücke des Tages- und Kriegsgeschehens aus einem mir bis dato unbekannten Blickwinkel wiedergibt. Es ist der klare Blick auf das Wesentliche und auf den Irrsinn eines jeden Krieges. Die Schriftstellerin nennt die Dinge beim Namen. Sie spricht aus, worüber geschwiegen wird. Nun, ich möchte außerdem behaupten, dass die Tagebücher ganz sicher nicht für die Öffentlichkeit geschrieben wurden, sondern vielmehr als Erinnerung für Astrid Lindgren selbst und ihre Familie. Das macht sich bemerkbar, wenn Kleinigkeiten mit losen Worten oder nur einem Satz als Anhaltspunkt aus dem Privatleben der Lindgrens Erwähnung finden. Erinnerungen, mit denen ich als Leser nichts anzufangen weiß.

So wie Astrid Lindgren die Verschonung Schwedens als ein „Wunder“ bezeichnet, so würden sicherlich viele Menschen die Veröffentlichung und Übersetzung ihrer Tagebücher als „historisch wertvoll“ und „richtig“ bezeichnen. Nichtsdestotrotz hätte eine zum Text passende Anmerkung, ein kleiner Zusatz in der Fußnote, diese ohnehin schon schöne Edition aufgewertet. Es finden sich zwischen den Zeilen und in den Faksimiles Lieder oder Gedichte von Dichtern wie von Pär Lagerkvist wieder, auch viele Zitate aus Reden von ranghohen Politikern von Seiten der Alliierten und umgekehrt. Zum einen ist da die Seeschlacht um England, 1943 ist es das Treffen in Casablanca zwischen Churchill und Roosevelt. Das Buch beinhaltet so viele interessante Details, von denen man nur wissen kann, wenn man zu jener Zeit das Geschehen selbst beobachten und mitverfolgen konnte, oder sich intensivst mit diesem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte auseinandergesetzt hat. Diese Fülle an Informationen macht es mir auch schwer, eine kurze Zusammenfassung zu schreiben, weswegen ich meine Zeilen nicht als Rezension sehe, sondern als das, was ich für mich selbst daraus (sozusagen als Zugewinn neuer Erkenntnisse) mitnehme. Auch in Anbetracht dessen, was jetzt um uns herum geschieht. Die Welt verdunkelt sich!

So fing alles an mit Pippi Langstrumpf – efraimstochter.de
http://www.astrid-lindgren.de/
Astrid Lindgren – Arte Dokumentation

x Vorwort – Nachwort: Antje Rávic Strubel, Karin Nyman
x Übersetzer: Angelika Kutsch, Gabriele Haefs
x Titel:  Astrid Lindgren / Die Menschheit hat den Verstand verloren ( Tagebücher 1939/1945)
x Genre: Tagebücher & Briefe
x 576 Seiten
x Ullstein Verlag
x ISBN: 978-3-550-08121-7