Fortsetzung der abc Etüden Textwoche 17.17

Eine Fortsetzung der abc Etüden Textwoche 17.17 – 3 Worte (by bittemito) in 10 Sätze (+). Diesmal habe ich mich daran versucht, mir eine kleine Micronovelle auszudenken. Fortgesetzt werden die ABC Etüden von der lieben Christiane (365tageasatzaday).

abcEtüden

Absender: Unbekannt

Manchmal hat man solche Tage, da schmeckt die Pute nach Fisch. Du gehst mit Hausschuhen auf die Straße, verpasst die S – Bahn, bekommst Stresspickel und alle Kollegen sagen dir, was du längst weißt. „Man siehst du heute scheiße aus!“
„Danke danke!“

Das sind Tage, da steigst du nicht durch. Aber dieser, schießt den Vogel ab. Nach Feierabend habe ich eine Postkarte aus dem Briefkasten gefischt. Ganz blank. Absender: Unbekannt. Und als ich abends versuche mit einem Buch zu entspannen, spricht sie mit mir. Erst dachte ich: „Jetzt geht’s los Barbara, du kannst dich einweisen lassen!“

„Siehst du mich?“, ruft ein Junge. „Hä?“
Und als ich mir gerade den Nachhall aus dem linken Ohr schüttle, höre ich ihn ein zweites Mal. „Hier auf der knospenkollidierten schwebenden Wolke.“ Seine Stimme nimmt Kurs,
fährt wie ein Schauder den Rücken rauf und runter. Kalt und warm. Doch was äußerst seltsam anmutet, sie ist mir nicht fremd. Diese Stimme, scharf wie ein Pfeil, saust mitten ins Herz. Schwer zu beschreiben ist das Irisreinkanationslied. Die Materie, die dich belebt. Aber um das alles zu verstehen, nachzuempfinden, musst du es selbst erlebt haben. Wer glaubt schon an Begegnungen aus dem Jenseits, an diese überirdischen Dinge? Jedenfalls, jetzt sehe ich ihn. Ein spitzbübischer Rotschopf, wie er mir von der Postkarte zuwinkt.

Wie er von seinem eigenen Schatten im Mondlicht verfolgt wird und auf der bunten Wiese Rad schlägt, herumspringt und mir so viele rote Sterne ins Gesicht pustet, dass ich niesen muss. Ich reibe mir die Augen und sehe wieder hin. Plötzlich ist er weg. Und hinterlässt: Safranstaubkussspuren.

Gesammelte Schätze / März 2017 – Mark Twain, Klimawandel

gesammelte Schätze

Ein Satz, welchen ich mir notiert habe, stammt von Mark Twain. Ich habe ihn nicht etwa in einem seiner Werke entdeckt, sondern in einer Dokumentation zum Thema Klimawandel von Al Gore. Jedenfalls hat es sich an einem Tag im März so ergeben, dass ich mal wieder keine Lust zum Lesen hatte. Stattdessen war mir danach, einen guten Film aus Olivers Sammlung zu fischen. Blind zog ich eine DVD aus der hintersten Reihe und hielt „Eine unbequeme Wahrheit“ in der Hand. „Hast du den nicht schon gesehen?“, fragte Olli. „Nein!“ Also schauten wir uns ihn gemeinsam und er zum wiederholten Mal an. Ehrlich gesagt, habe ich mich mit dem Thema Klima nie ernsthaft auseinandergesetzt. Ich meine, du weißt von den Folgen der globalen Ewärmung in der Arktis, aber das ist weit weg, und was kannst du schon dagegen ausrichten? Du allein. Und dann siehst du dir diese Dokumentation und realisierst was so lange unterm Teppich gekehrt wurde, wie blind wir Menschen doch sind, bis auf wenige Ausnahmen die die Erwärmung der Weltmeere und Katastrophen ungeahnten Außmaßes vorhergesagt hatten. Aber man hat die Meinung der Skeptiker als Scharlatan abgetan. Es gibt so eine wunderbare, nein eigentlich eine sehr traurige Anekdote aus Al Gores Schulzeit, als ein Junge im Fach Geographie seine Hand hob und seinen Lehrer fragte, ob diese Landteile, dabei zeigte er auf die Ostküste Amerikas und auf die Westüste Afrikas, nicht mal zusammengehörten. „Natürlich nicht!“ lachte ihn der Lehrer, der später unter anderem als wissenschaftlicher Berater der damaligen Bush Administration tätig war, aus. Damals dachte man  wohl, aufgrund der damalig vorherrschenden Wissenschaft, dass sich die Landmasse der Erde nicht verschiebt und starr an Ort und Stelle verankert ist. Welches Schicksal den Jungen letztlich ereilt hat ist traurig. Diese Anekdote, das eingeschobene Zitat von Mark Twain, ebenso die Einsicht, dass wir Menschen etwas an unseren Gewohnheiten verändern können, dass jeder etwas bewegen und verändern kann um die Emission von Kohlendioxid (CO2), das zum Großteil für den anthropogenen Treibhauseffekt und damit für den Klimawandel verantwortlich ist, zu reduzieren. Weitere Infos auf: algore.com, Bildquelle: Pixabay

“What gets us into trouble is not what we don’t know. It’s what we know for sure that just ain’t so.” ― Mark Twain

 

Vor ein paar Wochen bat ich Olli etwas zum Thema bzw. zum Film zu schreiben, weil ich in meinen Ausführungen immer so ausschweife, und da ließ er sich nicht zweimal bitten.„Eine unbequeme Wahrheit“ folgt „Eine unbequeme Fortsetzung – Der Stand der Dinge“ und wir können es kaum abwarten.

„Künftige Generationen, haben durchaus Grund sich die Frage zu stellen…
Was haben sich unsere Eltern dabei gedacht? Warum sind sie nicht aufgewacht, als sie die Möglichkeit dazu hatten? Es ist wichtig dass wir uns diese Frage jetzt stellen. – Al Gore“

„Gesammelte Schätze 2017“  wird von der lieben Bloggerin Mareike organisiert, dort ist auch die Liste aller Teilnehmer zu finden.

abc Etüden – Schreibeinladung / Textwoche 17.17

So wie ich die abc Etüden beim wortverliebten Feingeist Textstaub entdeckt habe, wurde das Projekt leider eingestampft. Zu zeitintensiv. Mittlerweile ist sogar der Blog gelöscht, was ich wirklich schade finde. Bin ich durch mickzwo doch erst auf diesen wunderbaren Blog aufmerksam gemacht worden. Ich hoffe Textstaub irgendwo wiederzufinden. Und dann habe ich soeben herausbekommen, dass Christiane von 365tageasatzaday die abc Etüden fortsetzt. Großartig! Ich freue mich über die kreative Wortspende von bittemito, und so habe ich mich hier hingesetzt, meine Gedanken auf Wanderschaft geschickt und dieses kleine, ich hoffe es gefällt euch, Gedicht geschrieben.

abc etüden 17.17

Weißt du…
Safranstaubkussspuren im
Knospenkollisionskurs erzeugen
ein bitter Nachgeschmack

die Erinnerung ist ein Dämon
wandelnd im Schatten pfeift er
das Irisreinkarnationslied

Weißt du…
nur die Frucht der Erkenntnis
kann ihn zum Schweigen bringen

 

Kommt gut in die neue Woche,

eure Tanja

Asli Erdoğan – Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

Asli Erdoğan - Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

Die Schriftstellerin und Essayistin Asli Erdoğan sitzt nicht im Gefängnis! Nein – sie wird in ihrem eigenen Haus festgehalten. Die neuesten Entwicklungen in der Türkei lassen den Schluss zu, dass dieser beunruhigende Zustand noch eine Weile Bestand haben wird. Wie konnte es soweit kommen? Diese Autorin zählt zu einem Personenkreis, welcher durch kritische Berichterstattung oder durch das Hinterfragen von Entscheidungen der Regierung, ins Abseits der türkischen Gesellschaft gestellt worden ist – durch regimetreue Anhänger und dem mächtigen Regierungsapparat in der Türkei.

In ihren Essays zeichnet Asli Erdoğan mit viel Gefühl und ihrer ganz eigenen Poesie ein Bild ihrer Heimat, welches nicht mehr viel mit dem aufstrebenden Staat zu tun hat, welcher noch vor wenigen Jahren als ein „muslimischer Musterstaat“ von westlichen Nationen bezeichnet worden war. Jene, die der Regierung die Stirn bieten, werden mundtot gemacht. Sie werden eingesperrt, des Landes verwiesen oder als Anhänger einer Opposition überstimmt. Meinungen und Ansichten, welche sich nicht mit dem Vorgehen der Regierung decken, sorgen für teils radikale Reaktionen. Genau hier wirken Asli Erdoğans Texte aufrüttelnd und so erschütternd. Ein Land im 21. Jahrhundert gerät langsam aus den Fugen. Die Autorin ist kein Gegner ihres Landes. Sie liebt ihre Heimat und die Menschen, die in diesen Gebieten leben. Doch die fortdauernden Konflikte innerhalb des Landes, die Vetternwirtschaft in den Machtzentren der Türkei und der scheinbar nie enden wollende Konflikt mit den türkischstämmigen Kurden, zerstört diese Nation mehr und mehr. Das jüngst stattgefundene Referendum zur Implementierung eines Präsidialsystems zeigt die Spaltung dieses Landes überdeutlich. Wenn man nun die Zeilen dieser Autorin liest, wirken die Ereignisse der letzten Monate noch eindringlicher und besonders niederschmetternd.

Schon im ersten Wort, das unter den gewaltigen Schlägen des Schrecklichen zerbricht wie ein Zweiglein, wird das Scheitern anerkannt, das Wort heißt »Krieg«. Angesichts der Unermesslichkeit, die ungehört verhallt, auch wenn das Wort ausgesprochen wurde, bleibt nichts übrig als verzweifelter Rückzug. Doch der Mensch kann nicht leben, ohne zu erzählen, er erzählt, gibt weiter, fängt von vorne an. (Als könnte man das Leben genauso erzählen, wie es ist, in all seiner Gesamtheit, seiner Einzigartigkeit und Unendlichkeit!) In der ständig anwachsenden Wüste der Wörter zeichnet der Mensch Kreise, Zickzacklinien, verwickelt sich in seiner eigenen Geschichte.  S. 88

Die Entwicklungen in diesem Land sind nicht nur eine Bestandsaufnahme einer Autorin über ihr Heimatland. Der Leser könnte möglicherweise Parallelen zu den neuesten Entwicklungen in ganz Europa ziehen. Die Radikalisierung und der aufkommende Populismus schalten die sachliche Diskussion aus und befeuern das emotionale Wutszenario. Deutschland, Frankreich, Niederlande, England, Polen – so viele Europäer haben in den letzten Monaten das Gift in die Herzen ihrer Mitbürger gegossen und nun entlädt sich der Zorn. Die Mächtigen wanken – oder sie bedienen sich zweifelhafter Praktiken, um ihre Macht weiter festigen oder gar ausbauen zu können. Doch diese Wut hat kein Ziel – sie läuft feuerrot an und stampft auf. Eine konstruktive Kritik oder ein produktiver Gedankenaustausch findet nicht mehr statt. Fakten werden angezweifelt und manche Theorie oder „wilde Phrase“ als Tatsache übernommen. Wenn der Mensch es mit der Angst zu tun bekommt, wendet er sich stets einem starken Anführer zu. Ein Anführer klärt die Dinge und sorgt für Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Was derzeit in der Türkei passiert, könnte für einige als eine Art „Blaupause“ für die eigene Nation herhalten.

Asli Erdoğan möchte aufklären und begreifen. Sie möchte eine aufgeklärte Nation sehen, die sich auch zu ihrer eigenen Geschichte bekennt. Denn auch hier gibt es viele Lücken, die geschlossen werden müssen. Der Genozid am armenischen Volk darf im politischen Regierungslager nicht an- oder ausgesprochen werden. Diese Türkei habe keinerlei Greueltaten begangen. Wer solche Behauptungen in die Welt setzt, wird direkt als Feind der Türkei bezeichnet. Doch ist es nicht so, dass uns die Geschichte lehren soll? Wir sollten die Erfahrungen – ob nun gute oder schlechte – als Antrieb für eine zukünftige Generation freier Menschen sehen, die solche Fehler nicht begehen würden.

Tode, Morde, Verluste… Vielleicht können manche Dinge durch nichts als sich selbst erzählt werden. Sie in Sätze zu gießen, bildet ein Stück Geschichte, nicht mehr. Auch das ist ein legitimer Grund zum Schreiben, selbst das Bestreben, sich ein Stück ganz persönliche Geschichte zu schaffen, ist ausreichend sinnvoll. Aber es ist ja so, wenn ein Mensch sich entblößt, um zu erzählen… dann ist er splitternackt, gehäutet in der Wüste der Worte. S. 173 (aus Parenthese)

Eine aufgeklärte Türkei – weltoffen und ohne Vorbehalte gegen Oppositionen, um eine politische Diskussion in Gang zu setzen, um dem Volk erfolgreich dienen zu können. Es wäre schön, wenn dieser Gedankenumbruch eine Chance erhalten würde – damit der „kleine Kanarienvogel“ wieder singen und fliegen kann.

 

 

Essays von Asli Erdoğan, „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“,   ISBN 978-3-8135-0780-5, erschienen im Knaus Verlag