Chris de Stoop – Das ist mein Hof

chris de stoop

Die Weite ist weg. Definitiv weg, so definitiv wie der Tod. Und wenn die Weite aus der Sicht verschwindet, verschwindet sie auch aus dem Kopf. Dann sieht man das vollständige Ganze nicht mehr. S. 30

Chris de Stoop

In diesem Sachbuch, das sich wie eine persönliche Reportage lesen lässt, in welchem die eigene Familiengeschichte des ICH Erzählenden Chris de Stoop der Knotenpunkt ist, und vor allem der Bruder die Initialzündung war, um das Buch zu schreiben, geht es um die Zwangsenteignung von Hof und Land und die Zerstörung einer historischen Polderlandschaft, welche schon im 12. und 13. Jahrhundert eingedeicht und durch breite Gräben (Grachten) trockengelegt wurde. Was dem Meer abgerungen wurde, muss für die Industrialisierung und die Vertiefung des Antwerpener Hafen dem Meer zurückgegeben werden, sozusagen als Ausgleich. Dass hunderte Hektar Land geflutet werden sollen, um beispielsweise neue Natur zu schaffen, hat einen jahrzehntelangen Streit zwischen Belgien, den Niederlanden und den Bürgerinitiativen ausgelöst, der noch immer ausgefochten wird. Ein ganzes Dorf namens Doel musste dem Hafen weichen. Nicht nur in der Waaser Polder wurden Bauernhöfe abgerissen, um neue Naturschutz- und Erholungsgebiete oder Platz für Windkraftparkanlagen zu schaffen.

Chris de Stoop schleift uns von Hof zu Hof. Mit ihm und durch seine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, seinem Sehnsuchtsort, den Kindheitserinnerungen, erleben wir die Schönheit und zugleich den Verfall der Polder, das Leben und den Tod.

Wer sind wir, wer sind sie, wer ist der Staat, der mir nichts, dir nichts verfügen kann, einen historischen Landstrich völlig umzugestalten? S. 176 – Bauer Guido Van Mieghem (einer der letzten Bauern von Doel)

Erst habe ich alles Positive herausgepickt. Naturschutz – ist doch schön! Und der Hafen ist auch ganz schick! Der technische Fortschritt ist super, solange wir nicht selbst betroffen sind. Aber spätestens wenn man vor Monique, Guido oder vor Roger van Gijsel steht, und auf das ein paar Seiten zuvor erwähnte satirische Tierepos „Reynke de vos“ (bestehend aus 7791 knittelnden Versen) zurückblickt, ebenso auf das Sprichwort „Nur Bauern und Könige haben einen Hof“, dann versteht man de Stoops kaleidoskopartige Herangehensweise und den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwärtigem, in dem er, wie bereits erwähnt, auch seine ganz persönliche Geschichte zum Besten gibt. Sein Bruder ist unerwartet gestorben, seine Mutter zu alt und krank um den Hof in Schuß zu halten. Also hängt die Zukunft des Hofes von ihm ab. Es gibt neue Herren und die Könige haben den Galgen durch einen Zwangsenteignungsbeschluss ersetzt.

Dem belgischen Autor und Journalisten Chris de Stoop ist ein eindringliches, schauriges und ein überaus atmosphärisches Buch gelungen, das hohe Wellen schlägt; hin und wieder sogar an die Versprechungen des verpfutschten Baus des Flughafens in Berlin Brandenburg, und ebenso an die geplante Elbvertiefung in Hamburg erinnert, es gibt da durchaus Parallelen. Wenngleich man sich mit ein paar ergänzenden Daten in der Fußzeile keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätte. Ich vermisse da vor allem speziferische Daten zu den Scheldeverträgen und den Koalitionsverhandlungen, welche man sich mühsam im Netz zusammensuchen muss. Ungeachtet dessen hat Chris de Stoop mich vor allem mit seinem zum Teil auch poetischen Sprach- und Schreibstil beindruckt, weil jedes Wort lebt. Es ist, als würde ich mit dem Fahrrad durch das Hedwige Polder, das Verdronken Land fahren und auf dem Deich die frische Luft einatmen. Während du liest, spulst du den Farbfilm so ab, als wärst du mittendrin. Ob diese Fahrradtour überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Schließlich sollen die Ausbaumaßnahmen der Scheldevertiefung mittlerweile längst abgeschlossen sein. Eine beeindruckende, poetische und zugleich beunruhigende Stille geht von de Stoops` Beobachtungen und Gedanken aus. Nicht nur von ihm, sondern auch von den stolzen Polderbauern. Wenn ich das Thema „ökonomische Nachhaltigkeit“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachte, wenn Natur zerstört wird und durch Ausgleichsflächen kompensiert werden soll, bin ich hin und hergerissen. Vor allem, wenn eine historische Kulturlandschaft zerstört wird und Menschen um ihre Existenz gebracht werden. Und genau um diese Menschen geht es de Stoop.

Chris de Stoop, Das ist mein Hof, S. Fischer Verlag, 978-3-10-002545-6

Das Leben des Joachim Ringelnatz

Das Leben des Joachim Ringelnatz von Hilmar Klute

Jeder kennt den eigenwilligen, herrlich ehrlichen – den unnachahmlichen Ringelnatz, mit bürgerlichem Namen, Hans Bötticher. Hesse hat einmal gesagt, als er ihm begegnet ist, „er sei so eine Art Don Quijote. Ein adliger Schwärmer edler Art, mit einem Dichterherzen und einem kleinen Vogel im Kopf.“ Diese Lesedokumentation habe ich vor mehreren Monaten geschrieben, jedoch nicht veröffentlicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich jeden und alles verstehen will. Vor allem die Zeit!

In „War einmal ein Bumerang – Das Leben des Joachim Ringelnatz“ schreibt Hilmar Klute eingangs, wie es dazu gekommen ist, dass er den Mann im Matrosenanzug, den Seefahrer, Maler und Artisten gefolgt ist. Seine Reise beginnt famos, nämlich mit Ringelnatz´ Telefonnummer und alter Adresse; irgendwo im westlichen Berlin. Und die Überschrift des ersten Kapitels, aus einer Verszeile eines Gedichts gepickt, lässt erahnen wohin und worum es geht. „Wenn ich einen Anfang wüsste, säng ich ein Lied aus Inmirland“. Ich wäre zu gern dabei gewesen, als Norbert Gescher (Schauspieler und Sohn von Leonharda geb. Pieper – Böttichers Ehefrau), Klute die Tür geöffnet hat. Er tritt ein und alles darin erinnert an Ringelnatz. Vor allem die vielen Fotos und Ölgemälde an der Wand.

„Karge Landschaftsbilder, zumeist ohne Menschen, manchmal ein Fesselballon, der stellvertretend für den Wunsch nach Ferne und Fremde am Horizont klebt.“

Die Biographie, die Lebensreise des Joachim Ringelnatz, ist wie eine Achterbahnfahrt. Klute folgt jeder Lebensstation und Wandlung. Da ist Hans, der Junge mit dem Schalk im Nacken, wie er behütet aufwächst, von der Seefahrt träumt, sich durch die Weltliteratur liest und wie sein Vater, der Dichter Georg Bötticher, Verse ausdenkt. Es zieht ihn immer wieder dorthin, wo fremde Sterne leuchten. Hans wird die halbe Welt umschiffen, am Deck und in der Kajüte des Segelschiffs Elli, die Erniedrigung, die Hölle der rauen Seefahrt erleben – die Wirklichkeit. In seinen Darbietungen, sei es im Simpl, im Schall und Rauch oder in anderen Künstlerkneipen, hat er die Wirklichkeit des Alltags, insbesondere die schillernd dekadente Welt, entlarvt. Er hat die Dinge auf den Kopf gestellt und zertrümmert, Kritiker erzürnt und das Publikum erfreut oder verärgert.

Es vermischen sich Empathie und Kritik. Wenn Klute aus dem Nachlaß Ringelnatz` zitiert, setzt er seinen Stempel drauf, indem er die verborgenen Abgründe und Untiefen anmerkt und interpretiert. Wie den Krieg als Abenteuer, als Hans sich 1914 freiwillig für das kaiserliche Marinekorps meldet und enttäuscht wird. Die Weibergeschichten. Aber diese Textstelle aus einem Brief an Leonharda Pieper, datiert auf den März 1922, „Hüte dich Muschelkalk vor dem jüdischen Bluff `Neu´“ (S.125 Kapitel „Ich suche Sternengefunkel“) hat Klute schockiert und irritiert. Mich auch. Und ich denke „Oh Gott!“ Mir fehlt wohl die Distanz, ebenso kenne ich die Briefe nicht. Den Chefredakteur der Weltbühne Grossmann sowie Jacobsohn bezeichnet er, also Ringelnatz, als „listige Blutsauger und niederträchtige Juden“, gefolgt von weiteren boshaften Äußerungen. Sogleich vermutet Klute hier eine antisemitische Geisteshaltung. Im Wortlaut fragt Klute sich und uns Leser, ohne selbst zu urteilen: „War Ringelnatz ein Antisemit?“ Und so lässt er es stehen. Und ich kann es ihm nicht verübeln. Aber warum hat ein Mann wie Paul Wegener seinen Feund Ringelnatz mit so wunderschönen Worten gedacht, wie sie auf dem Rückumschlag stehen? Auch das was Klute davor schrieb, man muss nicht mal zurückblättern, widerspricht allem.

Hans Bötticher lebt in Berlin, er geht in die Theater, ins Romanische Café und er liest die großen Blätter, die Weltbühne, das Berliner Tageblatt. Sie alle werden ihn bald feiern als großen Wundermann der deutschen Literatur. Der Sommer kommt, er schreibt. Er schreibt sich die eiserne Zeit vom Leib, die Jahre des Strammstehens, des verlogenen Deutschtums, des lächerlichen Drills. Der starke Deutsche Mann, der Kriegsheld, der Athlet? Lächerlich!

Mein Name ist Murxis, der Kraftmensch genannt!

Meine Nahrung ist Gulasch vom Elefant

In einer Sauce des Stärkemehls.

Meine Heimat ist das Zentrum Südwales.

Upsala!

– Auszug aus „Der Athlet-Turngedichte“

Wisst ihr, ist es denn so abwegig, dass Ringelnatz in Wirklichkeit den damals aktuellen Zeitgeist im Turngedicht anspricht und sich nicht die eiserne Zeit, wie Klute sich ausdrückt, vom Leib schrieb. Man darf anmerken, dass Klute gut recherchiert hat; er seine Informationen so knetet, dreht und interpretiert, dass es passt. Es ist wie mit dem Schuh, wenn er sitzt, wackelt und Luft hat. Jedenfalls ist das mein Eindruck. In der Zeit geht er vor und zurück. Obwohl, gerade das finde ich äußerst interessant, das verschafft kreativen Freiraum, einige Dinge verharren in der Schwebe, sie sind nicht nachvollziehbar. Selbst dem folgenden Zitat aus dem Briefwechsel zwischen Muschelkalk und Hans, kommentiert Klute so, dass ihm etwas ablehnendes, anklagendes – etwas negatives anhaftet. Da geht es darum, wie Leonharda in ihrer Freude und Neugier auf den bevorstehenden Umzug nach Berlin, Hans auf die allgemeine Stimmung anspricht. Man spricht von neuen geistigen Strömungen in Berlin. Das interessiert sie, woraufhin Hans ziemlich gereizt reagiert haben soll. Und zwar so:

„Neue geistige Strömungen in Berlin.Warum in Berlin in Berlin. Berlin hinkt immer Paris nach. Übrigens jede Buchhandlung verschafft dir Stoff zum Ersticken. Die Zeitschrift Weltbühne lies. Und frage doch Deinen Bruder.“

Ringelnatz wird noch boshafter. Einen Brief, er ist genauso despektierlich und beschämend, deutet Klute als Test, als würde Hans das Muschelkalk prüfen. Und da frage ich mich, kann es nicht sein, dass das zuerst Zitierte, nicht auch so etwas wie eine Finte war, eine Prüfung? Eine äußerst geschmacklose noch dazu! Unumstritten und überall zu lesen ist, Hans hat sein Muschelkalk geliebt und sie ihn. Auf heimliche und süße Art, hat er auch die dänische Schauspielerin Asta Sofie Amalie Nielsen geliebt.

Ich frage mich, hat Ringelnatz der Weltbühne, seinem Publikum und seiner Frau wirklich nur was vorgemacht? Hatte er, der nicht verlegen war, seine Meinung offen kund zu tun, nicht den Schneid, sich in seiner politischen Haltung öffentlich zu äußern? Selbst aus seinen Affären hat er keinen Hehl gemacht. Auch äußerte er sich dazu, wer ihm wohlgesonnen war, und wer ihm, im wahrsten Sinne des Wortes, den Buckel runterrutschen konnte. Aber vor allem beharrte er stets darauf, seine Darbietungen seien nicht politisch, sondern sozialkritisch geprägt. Über dieses Thema lässt sich stundenlang debattieren, ebenso über die Frage „Was wäre wenn…“, im Bezug auf die „Entartete Kunst“ Joachim Ringelnatz Werke, als Dichter und Maler. Darüber lässt sich nur spekulieren.

Joachim Ringelnatz der Maler

Hilmar Klute beschränkt sich auf das Wesentliche. Er schweift nicht aus, folgt nicht dem herkömmlichen, dem klassischen biographischen Stil in langweiliger chronologischer Abfolge. Er zeigt Ringelnatz andere, vielleicht seine verschwiegene abgründige Seite, und wie aus Hans Bötticher allen Widrigkeiten zum Trotz Joachim Ringelnatz wird. Klute zitiert und interpretiert. So leichtfüßig, so trefflich (mit kleinen Dissonanzen in der Interpretation), dass sein Wort mit dem Ringelnatz’schem Blick auf das Leben und die Welt harmoniert. Kein Wunder, dass ich zurück zum Anfang ging, um das Buch nochmal zu lesen. Und später noch einmal. Doch um Klutes` bisweilen auch poetischer Interpretation und Logik zu folgen, muss man sich tatsächlich selbst durch das Ringelnatz`sche Archiv lesen. Womöglich hätte Tucholsky uns in mancher Angelegenheit Rede und Antwort stehen können. Zum Schluß, und das beruhigt mich, endet Klute versöhnlich.

Seine Gedichte spuken, wie Peter Rühmkorf schreibt, „als quicklebendige und leicht zitierbare Geister in vielen Köpfen herum“.

Das solltet ihr mitnehmen: Zwei Perspektiven auf Joachim Ringelnatz von Sophie (Literaturen). Ein Bumerang kehrt zurück: Der talentierte Herr Ringelnatz und Hilmar Klute: War einmal ein Bumerang sowie Das Leben des Joachim Ringelnatz (2015), beide Beiträge sind auf Sätze & Schätze zu finden.

Hilmar Klute, „War einmal ein Bumerang – Das Leben des Joachim Ringelnatz“, 240 Seiten, Verlag: Galiani

 

Wilhelm Busch – Sie war ein Blümlein

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.

Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.

Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.

Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heißgeliebte Pflanze.

(Wilhelm Busch, 1832-1908)

Fotoquelle:pixabay

Textwoche 18.17 – In den Mai geschrieben

Textwoche 18.17 – Nun, jetzt weiß ich auch was Paradeiser sind.
In den Mai geschrieben. Spät in der Nacht bin ich der neuen Schreibeinladung von Christiane (365tageasatzaday) gefolgt. Die Wortspende stammt diesmal von Jule (Pinselstrich). So, jetzt schnell in die Falle springen, weil ich mir für Morgen Lesen im Garten verschrieben habe.

Textwoche 18.17

Ach wär ich
Pomi d’oro du
Schlawiner
eine Paradeiser
und wie es so juckt auf
deiner Haut, vermisst du die Menschenhand
die dich gezogen, gekreuzt und vergiftet
Sind das Kinkerlitzchen?
Du gehst mit dem Wind
gebäugt, betrachtest du die Lebensgegend?
zu Fuße liegt, was hungrig war.

 

Liebe Grüße,

Tanja