Lee Rourke / Der Kanal – Langeweile treibt uns an, etwas zu verändern.

Der Kanal von Lee Rouke

Lee Rourke lebt in London und ist Schriftsteller, Dichter und Journalist – er zählt zu den Autoren der Off-Beat Generation, schreibt für The Independent, The Observer, TLS, New Statesman und The Guardian. Darüber hinaus ist er der Redakteur des 3:AM Magazine. Sein Debüt-Roman, „Der Kanal“, welcher mit dem  „Not The Booker Prize“ ausgezeichnet wurde, erschien 2011 in deutscher Übersetzung im mairisch Verlag.

“Man­che Leute hal­ten Lan­ge­weile für etwas Schlech­tes, das ver­mie­den wer­den sollte, und mei­nen, dass man das Leben mit allem mög­li­chen Zeug anfül­len sollte, nur um die Lan­ge­weile in Schach zu hal­ten. Das denke ich nicht. Ich halte Lan­ge­weile für etwas Gutes; sie formt uns und treibt uns an. Lan­ge­weile ist machtvoll.” (aus dem Prolog bzw. Klappentext)

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Anstatt wie gewöhnlich zur Arbeit zu gehen, entschließt sich ein junger Mann aus „Langeweile“ an den Regent`s Kanal zu gehen. Er kommt zu der Erkenntnis, dass ihn sein Job langweilt. Er kündigt. Der ehemalige Banker will sich  ganz der „Langeweile“ widmen – auf einer Holzbank auf dem Leinpfad am Kanal sitzen und an nichts denken, an rein gar nichts. Nichts denken, nichts fühlen, nichts tun. Alleinsein. Dieses ganz bei sich sein wird gestört, als sich eine junge Frau direkt neben ihn hinsetzt. Sie sagt nichts, er sagt nichts, beide starren geradeaus. Doch irgendwann… (in den folgenden Tagen), stellt sie ihm eine Frage, die alles verändert. Ihn verändert.

„Warum kommst du jeden Tag hier her? Früher warst du nie hier…“
Mein rechtes Bein begann zu zittern; ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich sah sie an. Sie sah mich an. […] „Und?“ Ihre Hartnäckigkeit machte mich nervös. Ich stammelte. Mein rechtes Bein zitterte noch mehr als sonst. „Ich … äh … mir ist langweilig.“ Das war alles was ich sagen konnte, denn sobald ich es ausgesprochen hatte, stand sie auf und ging weg – wie die anderen in Richtung Hackney. S.18

Wer beobachtet genießt die Stille, und während der namenlose Ich-Erzähler sich dieser hingibt, über Langeweile, die Leere und über das Nichts nachdenkt – nichts denkt und nichts macht, tut er es doch. Er lässt sich in seinem Nichtstun Experiment treiben und nimmt die urbane Langeweile seiner Umgebung intensiv wahr. Auf dem rostfarbigen Fließband des Kanals zieht der schlammige Abfall an ihm vorbei und auch an mir. Ein Schwanenpärchen, Kanadagänse und Teichhühner schwimmen mit sich streckenden Hälsen (uns beobachtend) hin und her. Erstaunlich wie mich die Stimme des Erzählers mit all seinen Beobachtungen, seinen Ängsten, und philosophischen Gedanken im Jetzt und das was gewesen ist fesselt.

Der Autor Lee Rourke vermittelt uns die Wirklichkeit seiner Figur – über subjektive Wahrnehmungen, Gedanken und Reflexionen. So ist mir fast, als würde ich den Mann zu seiner Bank zum Regents Kanal zwischen Hackney und Islington hin begleiten, welcher im späteren Verlauf zum Treffpunkt für ihn und die mysteriöse Frau wird. Lee Rourke nutzt eine einfache klare verständliche Sprache, sie hat eine Intensität für das Unvorhergesehene, und entwickelt eine Wucht, die mich messerscharf trifft und nachdenklich werden lässt.

„Warum erzählst du mir diese Dinge?“
„Weil ich dich nicht kenne. Ich finde es leichter, mit Fremden zu reden, mit echten Fremden,…[…] S.36

Die Dialoge sind kurz und enden abrupt. Die Geschichten, die die Frau dem jungen Londoner anvertraut, sind grausam , und lassen das Blut in den Adern gefrieren. Sie sind kalt und brutal. Erschreckend stellt der Erzähler fest, wie gleichgültig die Frau anderen gegenüber ist. Dennoch fühlt er sich zu ihr hingezogen. Ob die junge Frau wirklich so ist, wie sie behauptet?

Eine Geschichte über Langeweile – das hört sich erstmal recht unspektakulär an, aber sie ist es nicht, wenn man sich erstmal auf sie eingelassen hat. Ich habe das Debüt von Lee Rourke in einem Atemzug durchgelesen, wurde positiv überrascht und fühlte mich kurzweilig gut unterhalten. In einem stimme ich vollüberein: Langeweile treibt uns an, etwas zu verändern. Uns zu verändern.  Neue Wege zu gehen.

Passend zur Aussage des Romans habe ich folgendes Gedicht herausgesucht:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
1770 – 1831

„Es wird das Jetzt gezeigt, dieses Jetzt. Jetzt; es hat schon aufgehört zu sein, indem es gezeigt wird; das Jetzt, das ist, ist ein anderes als das gezeigte, und wir sehen, daß das Jetzt eben dieses ist, indem es ist, schon nicht mehr zu sein. Das Jetzt, wie es uns gezeigt wird, ist es ein gewesenes, und dies ist seine Wahrheit; es hat nicht die Wahrheit des Seins.“

x Autor/in: Lee Rourke
x Titel: Der Kanal
x Genre: Roman
x 226 Seiten
x mairisch Verlag
x ISBN: 978-3-938539-20-0

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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