Lebensstufen – Hermann Hesse

Lebensstufen von Hermann Hesse

Die Aufnahme habe ich mit einer grottenschlechten Handy-Kamera gemacht, weswegen sie ziemlich verpixelt ist. Trotzdem mag ich das Foto. Es hat etwas geheimnisvolles. Und egal wie viele Werke ich von Hesse bereits inhaliert habe. Für mich bleibt er der geheimnisvolle, manchmal mürrisch dreinblickene alte Mann mit Hut.

Der Titel „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Lebensstufen“ ist ein Vers aus dem bekannten und oft rezitierten Gedicht  ´Stufen`. Ein schmales Hesse-Buch zum Genießen.

Volker Michael (ehemaliger Lektor des Suhrkamp Verlags) hatte die autobiographischen Textsammlungen und -fragmente, bestehend aus prosaischen Erzählungen und Gedichten, so sorgfältig ausgesucht, dass sie in ihrer Abfolge die Lebensstufen bilden. ´Kindheit, Jugend, Alter, Tod`.  Sie beginnt mit „Aus Kinderzeiten“ und endet mit „Bruder Tod“ – jenem Zeitpunkt, an dem sich die letzte Lebenstufe mit einem von tausenden Ringen schließt. Doch ist, wie Hesse sagen würde, jeder Anfang ein neuer glänzender Lebensrausch. So seltsam unzugänglich und so hart, böse und brutal uns die Welt zuweilen erscheinen mag.

Aktuell frage ich mich, welche Bedeutung Europa hat, wenn an den Grenzen wieder Stacheldraht ausgerollt wird? Da sind Menschen, die im Krieg alles verloren haben und sich mit geschundenen Füßen und letzter Kraft nach Europa retten. In Heidenau wurden die Flüchtlinge am vergangenen Wochenende von einem agressiven Mob kleingeistiger Bürger begrüßt, dass ich mich in Grund und Boden schäme. Das ist nicht Deutschland, das sind nicht wir! Heute, am 26. August 2015 – mit dem Besuch der Kanzlerin in Heidenau, riefen dreihundert rechte Demonstranten „WIR SIND DAS PACK“, womit sie nicht Unrecht haben. Gott sei Dank gibt es auch im beschaulichen Heidenau Menschen, die diese  fremdenfeindliche  Ideologie zutiefst verabscheuen und einfach nur da sind, um zu helfen. Jeder auf seine Art. Ein freundliches Wort, ein offenes Ohr, ein ehrliches Lächeln kann schon einiges  bewirken.

 In diesem Sinne zitiere ich die beiden berühmtesten Verse aus ´Stufen`,

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“

Heraufbeschworene Erinnerungen „aus Kinderzeiten“ erinnern mich an meine ganz persönlichen Ereignisse und Erfahrungen, welche ich in jener Zeit durchlief und erleben durfte. Wenn ich Zuhause im Garten vom Apfelbaum in den Nachbarbaum kletterte und mich im Kirschkernweitspucken übte  – solange, bis mein Vater kopfschüttelnd mit Leiter zur Rettung kam.

Und wenn die Stunde es gönnt und mein Herz guter Dinge ist, leg ich mich lang ins feuchte Gras oder klettere den nächsten tüchtigen Stamm hinan,  wiege mich im Geäste, rieche den Knospenduft und das frische Harz, sehe Zweigenetz und Grün und Blau sich über mir verwirren und trete traumwandelnd als ein stiller Gast in den seligen Garten meiner Knabenzeit. Das gelingt so selten und ist so köstlich, einmal wieder sich dort hinüberzuschwingen und die klare Morgenluft der ersten Jugend zu atmen und noch einmal, für Augenblicke, die Welt so zu sehen, wie sie aus Gottes Händen kam und wie wir alle sie in Kinderzeiten gesehen haben, da in uns selber das Wunder der Kraft und der Schönheut sich entfalte.
S. 11

„Aus Kinderzeiten“ 1904 verfasst.  Frankfurt am Main, 1977 / „Gesammelte Erzählungen“ Quellenhinweise sind auf den letzten Seiten nachzuverfolgen. 

Bereits in früher Kindheit, steht der kleine Hesse vor seiner ersten großen Entscheidung, ohne zu erahnen, dass das nicht die Letzte sein würde. Es folgt ein innerer Urtrieb, wie wir ihn irgendwann alle erlebten oder erleben. Er macht neugierig  auf die Welt und auf alles Verbotene. Plötzlich befindet sich der Knabe zwischen „Zwei Welten“. Und eine erfundene Räubergeschichte, mit ihm als Held, wird zum Boomerang und größten Schlamassel, dem er zu entkommen versucht.

Am Rechen neben der Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter, Heimat und Zärtlichkeit… [..] Aber das alles gehörte mir jetzt nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und ich war tief und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und Sünde verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande erwartet. S. 57
–  Demian von (Sinclair 1920) Hermann Hesse

Gleichwohl entscheidet die gute Stube des Elternhauses, ebenso das eigene Handeln und Denken, über Schicksal und Lebensweg. Hier spricht Hesse die Findungsphase um das sich bewusst  werden verborgener Talente und Leidenschaften an.

„Wir fünf Auserwählten unter den Mitschülern kamen uns immerhin wie eine geistige Aristokratie vor, unser Ziel waren die höheren Studien, während die Mitschüler zu Handwerkern oder Kaufleuten bestimmt waren – und nun begannen wir also die geheimnisvolle, alte Sprache zu lernen, noch viel älter, geheimnisvoller und vornehmer als das Latein, diese Sprache, welche man nicht lernte um Geld zu verdienen oder um die Welt reisen zu können, sondern nur um mit Sokrates, Plato und Homer bekannt zu werden…“ S. 72

 

Die Textanordung könnte ebenso gut den Lauf der Jahreszeiten beschreiben. Sowie die Blüte eines Kindes sich entfaltet, wächst und leuchtet; bevor es mit dem Prozess der Ich-Werdung den Glanz kindlicher Naivität verliert und  irgendwann im Alter verwelkt, muss ich an eine Textstelle aus „Von der Seele“ denken.  Da ist ein bedeutungsloses Gespräch zwischen zwei  zufälligen Sitznachbarn in der Bahn zu erwähnen. Eine Situation, die uns mit dem alltäglichen Geplänkel nicht fremd ist. Hesse äußert sich so:

Diese urweltliche, rohe, stammelnde Sprache lautet etwa so:
›Morgen‹, sagt der eine.
›Tag‹, sagt der andere.
›Gestatten?‹, der eine.
›Bitte‹, der andere.
Damit ist gesagt, was gesagt werden mußte. Bedeutung haben die Worte nicht,  […] S. 112

Auf den Punkt trifft es Hermann Hesse  in „Die Sonate“ und dem Liebespaar, welches sich  im Laufe der Zeit entfremdet und voneinander entfernt. Ist es nicht so, wenn die eine Person ein kleines Stück ´Kindsein` bewahrt, die Welt mit Neugier und weitem Blick betrachtet, der Urtrieb eines Entdeckers für immer bleibt? Zu wünschen wäre das jedem.

Die wunderbaren  Worte, die der Schriftsteller, Dichter und passionierte Maler unter seinem Hut hervorzaubert wirken auf mich – ebenso, wenn ich „Das Glasperlenspiel“, „Narziß und Goldmund“ oder meinen alten Gedichtband lese – wie märchenhafte Dichtung. Nur ist sie wahr, lebendig und zeitlos und inspirierend. Das schmale Buch ist voll von schönen Worten  und nicht nur etwas für den enthusiastischen Hesse Liebhaber, sondern für all´ jene bestimmt, die den Zauber der Dichtung gerade erst für sich entdeckt haben.

Eines meiner liebsten Worte:
WOLKENFLUCHT

 

Hermann Hesse – Sonderseite des Suhrkamp Insel Verlags

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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