In einer fremden Stadt – „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ von Michael Köhlmeier ist mehr eine märchenhafte Parabel als ein Roman; die Geschichte handelt von einem namenlosen Mädchen in einer fremden Stadt. Sie ist ein Flüchtlings- oder Straßenkind, das irgendwo in Europa auf der Straße lebt.

»Sie hatte beobachtet wie man den Deckel zurückschieben muss, um den Container zu öffnen. Es war ganz leicht gewesen. Sie konnte nichts anderes denken, als dass in allen Containern der Welt gute Dinge aufbewahrt seien.«

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Die Atmosphäre, sofern man sie vernehmen kann, lässt erst vermuten, dass diese zum Teil auch sehr obskure Geschichte im 19. Jahrhundert angesiedelt ist. Doch dann stellt man verdattert fest, dass die Straßenkinder sogar U-Bahn fahren. Natürlich schwarz. Zuweilen hat mich diese schmale Lektüre an „Oliver Twist“ erinnert, nämlich dann, wenn die Jungen Yiza, so wird das Mädchen später von Schamhan und Arian genannt, an die Hand nehmen und mit ihr auf Diebestour gehen. Stets sind sie auf der Flucht. Entdeckt zu werden würde bedeuten, zurückgeschickt zu werden und wir wissen nur so viel, das Schamhan und Arian eine andere Sprache sprechen. Genaueres über ihr Schicksal und ihre Herkunft erfährt man nicht. Nur kurz reden die Jungen von ihren Ängsten, Träumen und Sehnsüchten und selbst sie erfahren zu keinem Zeitpunkt, was der erst 6-jährigen Yiza widerfahren ist oder was ihr im Kopf umhergeht. Nur stellen sie für sich selbst fest, das es Yiza, im Gegensatz zu ihnen, deutlich einfacher haben würde, weil sie ein Mädchen ist.  So denken sie:  Jeder würde das kleine Mädchen lieben. Zu Beginn trifft Yiza sich immer mit einem Onkel. Ob es jedoch tatsächlich ihr richtiger Onkel ist, bezweifle ich. Am Marktplatz ging sie für ihn betteln. Von ihm hatte sie alles wichtige gelernt, um auf der Straße zurechtzukommen. Von Schamhan und Arian lernt sie zudem, wie man sich unsichtbar macht.

Ich mag mir gerne vorstellen, dass der Name Yiza ein Kosename ist, abgeleitet von Yaiza. Es bedeutet Lichtstrahl oder Regenbogen.

So hochgelobt in der Presse und überall, halte ich den reduzierten poetischen Sprachstil, welchen Michael Köhlmeier abwechselnd, mal in der auktorialen und mal in der personellen Perspektive nutzt, insbesondere das Stilmittel der ständigen Wiederholung, für recht gewöhnungsbedürftig. So hatte ich sehr wohl meine Probleme, mich in dieser knapp 140 Seiten umfassenden Lektüre hineinzufühlen.

Köhlmeier, der hier örtliche und zeitliche Gegebenheiten, wie auch Emotionen komplett auslässt, wirft Fragen über die Moral und ethische Grundsätze innerhalb unserer Gesellschaft auf, wenn allein der Herkunft wegen diskriminiert und stigmatisiert wird. So jedenfalls interpretiere ich den Text. Wie nah diese fiktive Geschichte an der Wirklichkeit dran ist, zeigt sich besonders in einer Situation, indem sich einer der Jungen die Mütze so tief ins Gesicht zieht, das man seine buschigen Augenbrauen nicht sieht – würden sie doch deutlich machen, dass er fremd ist. Diese Beschreibung passt natürlich perfekt in die aktuelle Situation zum Thema „Flucht“. Ein Thema, das derzeit nahezu in jeder Verlagsvorschau präsent ist. Diese Kinder sind ständig auf der Flucht vor der Polizei, so dass ich kurz den Gedanken hatte, dass es sich hier ebenso gut um Straßenkinder handeln könnte, wie wir sie in jeder Stadt sehen, und wie wir an ihnen vorbeigehen, ohne sie anzuschauen; höchstens vielleicht mit einem verschämten Blick?

Vielleicht ist es nicht gerade ratsam „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ im Strandkorb zu lesen. Es ist nicht einfach, sich in diese klirrend kalten Winternächte hineinzufühlen, wenn die Sonne scheint und ich das Meer rauschen höre. Obwohl sich in der Sprache diese zum Teil auch unheimliche Kälte widerspiegelt, ist diese Erzählung wie eine Falltür, die in eine Sackgasse führt. Das Fremde bleibt fremd und ich kann kein Empfinden für das aufbringen, was ich gerade gelesen habe. Nicht für die Jungen Arian und Schamhan, und auch nicht für das arme Mädchen.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Autor Michael Köhlmeier, dessen vorangegangenes Werk, so scheint es, immer noch in aller Munde ist. Nachdem ich einen sehr interessanten Artikel auf kultumea.de gelesen habe, frage ich mich, inwieweit sich »Zwei Herren am Strand« und »Das Mädchen mit dem Fingerhut« stilistisch voneinander unterscheiden. Ich bin versucht, mir den Roman zuzulegen, um das herauszufinden. Mit viel Glück werde ich mit einer vergnüglicheren Reise belohnt und demnächst darüber berichten.

Michael Köhlmeier, Das Mädchen mit dem Fingerhut, Hanser Verlag,  144 Seiten, ISBN 978-3-446-25055-0

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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