Griet Op de Beeck – Komm her und lass dich küssen

Griet Op de Beeck - Komm her und lass dich küssen

„Ich habe keine Angst, denn ich bin schon neun und das ist groß, und große Mädchen fürchten sich nicht.“ – Griet Op de Beeck

So beginnt der Roman „Komm her und lass dich küssen“, welcher in drei Teile unterteilt ist und Monas Lebensstationen folgt. Mona ist 9 Jahre alt, als sie im Keller darauf wartet, dass ihre Mama sich dazu erbarmt, sie endlich rauszulassen. Und weil das Zählen so oder so viele Male bis Hundert nichts bringt um die Zeit zu überbrücken, denkt sie über sich, ihre Mutter und ihren Vater, der durch seine Arbeit in der hauseigenen Zahnarztpraxis nur wenig Zeit für sie und ihren Bruder übrig hat, nach. Ebenso denkt sie darüber nach, was sie alles besser machen könnte. Sie möchte ein braves Mädchen sein. Der Gedanke, jedem alles recht zu machen, begleitet sie unaufhaltsam. Selbst als ihre Mutter bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kommt, ihr Vater irgendwann eine neue Frau kennenlernt und heiratet, tut Mona alles dafür, um anderen das Leben zu erleichtern, und das in jeder Lebensstation und Situation. Eigentlich ist es ein Schrei nach Anerkennung – ein Hilferuf. So müsste der Titel eher lauten: Komm her und küss mich! Und drück mich. Halt` mich!

„Mein Tag beginnt also mit einem Schuldgefühl. Das habe ich öfter. Onkel Tuur hat mir das Wort erklärt, ich hatte es in einem Buch für ältere Kinder gelesen. Ich mag es, Bücher ab zehn oder sogar ab zwölf zu lesen, weil ich die eigentlich schon verstehe, auch wenn die Büchermacher und die Frau von der Bibliothek mit der Riesennase das wohl nicht glauben. Onkel Tuur meinte, dass das was mit leidtun zu tun hat und dass man selber findet, dass einem etwas leidtun muss. Da dachte ich: Das kenne ich.“  S. 27

Der zweite Teil, welcher 1991 einsetzt, zeigt Mona in ihrer künstlerischen Arbeit als Dramaturgin; jedoch auch ihre stetige Unzufriedenheit mit sich und dem Leben. Obwohl alles nach Veränderung schreit und der letzte Teil, in welchem sich Mona in den berühmten Schriftsteller Louis verliebt, sie ihn – diesen ekelerregenden und selbstverliebten Spinner – sogar ihrer Familie vorstellt, ändert sich nichts. Für alles was schief läuft, fühlt sie sich schuldig. Anstatt einfach mal damit zu beginnen, die Schuld bei den anderen, bei ihrer Stiefmutter, ihrem Vater und auch bei Louis zu suchen – das Leben einfach mal umzukrempeln und zu leben. Sich selbst zu finden. Vielleicht in einer anderen Stadt. Nichts davon tritt ein. Und das gestaltet den weiteren Verlauf, vor allem das Ende, wie ich persönlich finde, so vorhersehbar, dass ich phasenweise, über weite Strecken hinaus, doch sehr gelangweilt war.

Ich tröste mich damit, dass es Griet Op de Beeck zu Beginn perfekt gelingt, in die Gedankenwelt der 9-jährigen Mona zu tauchen – und diese sprachlich, mit Poesie und feinem Gespür, authentisch genug wiederzugeben. Schöne Sätze, wie:

„Wenn du still stehst, kann keiner sehen, dass du dich verirrt hast.“ S. 165

haben mich dazu bewegt, das Buch gelegentlich aus der Hand zu legen und innezuhalten. Jedoch können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an Tiefe und am Überraschungsmoment fehlt.

Griet Op de Beeck (1973) ist eine flämisch-belgische Schriftstellerin, Kolumnistin und Bühnenautorin. Nach ihrem Debütroman Vele hemels boven de zevende (Viele Himmel über dem Siebten), folgte 2014 Kom hier dat ik u kus (Komm her und lass dich küssen). Beide Romane sind mit jeweils mehr als 200.000 verkauften Exemplaren sowie einer geplanten Verfilmung ein Wahnsinnserfolg in den Niederlanden und Flandern. Ob die Übersetzung durch Isabell Hessel, erschienen unter der ISBN 978-3-442-71443-8 im btb Verlag, hierzulande ebenso vom Erfolg gekrönt wird, bleibt abzuwarten.

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer – das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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