Gebete für die Vermissten – Jennifer Clement

Gebete für die Vermissten von Jennifer Clement

„Ich heiße Ladydi Garcia Martinez, ich habe braune Haut, braune Augen, krauses Haar und sehe aus wie alle anderen, die ich kenne. Als Kind hat mich meine Mutter wie einen Jungen angezogen und mich „Junge“ genannt. [..] Wäre ich ein Mädchen, würde man mich stehlen. [..] … als ich älter wurde, strich ich mit einem gelben oder schwarzen Filzer über den weißen Schmelz, damit meine Zähne vergammelt aussahen. Nichts ist abstoßender als ein dreckiger Mund, sagte meine Mutter.“

Ladydi wächst in den mexikanischen Hügeln, umgeben von Mais- und Mohnfeldern nahe der Hauptstadt Chilpancingo, wo sie und ihre Freundinnen zur Schule gehen, auf. In einem Dorf ohne Männer, in einem Dorf, in dem die Mütter jeden Tag befürchten müssen, dass wie aus dem Nichts schwarze Escalades mit bewaffneten Drogen- und Menschenhändlern auftauchen, sich mit Gewalt ihre Töchter nehmen und sie verschleppen. Ladydi erzählt rückblickend über den Alltag und das Leben in Guerrero. Von ihrem treulosen Vater, ihren Freunden, vom Schicksal ihrer liebsten Maria, über das spurlose Verschwinden von Paula – sie ist das hübscheste Mädchen in ganz Guerrero, über Ruth und ihren Schönheitssalon „The Illusion“, von der Alkoholsucht ihrer kleptomanisch veranlagten Mutter und ihren Rachegelüsten, vom Tod, von der Angst und davon, wie sie von Mike (Marias Bruder) in ein Verbrechen hineingezogen wurde.

„Mein Körper war ein Flipper, und die Worte flogen wie Metallkugeln in mir hin und her, sprangen mir durch Arme und Beine und schlugen mir gegen den Hals, bis sie mitten in meinem Herzen landeten“. S.49

Das Zitat beschreibt mit philosophischen Worten das stille Entsetzen, welches sich nicht festfahren kann, weil fast jeder Satz und jede Neuigkeit weitere Emotionen hervorruft. Und genauso habe ich mich auch gefühlt, das ist, als wäre man kurzzeitig gelähmt. Ladydi nimmt die Wahrheit ihrer Mutter Rita wie ein an der Mauer ruhender Skorpion in der Sonntagssonne auf. Jedes Wort ist wie eine Ameise. Sie laufen an ihrem Körper rauf und runter, sie bewegt sich nicht, schüttelt sie nicht ab – sie ist geschockt und muss die Worte und deren Bedeutung erstmal für sich sortieren, bevor sie sie begreift und akzeptiert.

Die Gewalt im Dorf und in der Hauptstadt zeigt, wie eingeschränkt das soziale Leben in einem Land wie Mexiko ist. Entführungen, Drogenhandel und Korruption stehen hier an der Tagesordung. Genau darum geht es in „Gebete für die Vermissten“. Wie der Titel vermuten lässt, geht es natürlich auch um den Verlust geliebter Menschen, um Freundschaft und schlussendlich auch um Ladydis Traum von einem anderen – einem besseren Leben.

Ganz unterschiedliche Personen zeigen im Verlauf der Geschehnisse etwas seltenes – Menschlichkeit und charakterliche Größe – und das selbst bei Charakteren, die sowohl Ladydi, als auch die Leserschaft, nicht in Betracht ziehen würde. Jeder auf seine Art.

Die Schriftstellerin Jennifer Clement verfügt über einen mitreißenden Schreibstil. Sie hat eine bewegende Art zu erzählen und auf die gesellschaftlichen und politischen Missstände, die es international – insbesondere in Lateinamerika – gibt, auch wenn es sich hier offensichtlich um eine fiktive Geschichte handelt, aufmerksam zu machen. Im Telegraph sagte sie im Februar 2014 im Gespräch mit Gaby Wood „I always have believed that literature can change the world.“

Jennifer Clement ist 1960 im US-amerikanischem Bundesstaat Conneeticut geboren, sie wuchs in Mexiko City auf, studierte in Paris und New York Literaturwissenschaft und hat insgesamt zwei Romane und ein Werk mit lyrischem Text veröffentlicht. Sie war von 2009 bis 2012 Präsidentin des mexxikanischen PEN. Für „Gebete für die Vermissten“ hat Clement über zehn Jahre lang vor Ort recherchiert und Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen geführt. Ihr Roman ist in 30 Ländern erschienen.

Einmal angefangen zu lesen, lässt der Roman den Leser nicht mehr los. Auch nicht, wenn die letzte Seite ausgelesen ist.

x Autor/in: Jennifer Clement
x Titel: Gebete für die Vermissten
x Übersetzer/in: Nicolai von Schweder-Schreiner
x Genre: Roman
x 228 Seiten
x Suhrkamp Verlag
x ISBN: 978-3518424520

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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