Ein Teelöffel Land und Meer von Dina Nayeri

Dina Nayeri wurde während der islamischen Revolution geboren, mit zehn Jahren emigrierte sie mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten nach Oklahoma und besuchte die Universitäten Harvard und Princeton. Der Roman “Ein Teelöffel Land und Meer” wurde in 13 Sprachen übersetzt.

Das Debüt der iranischen Schriftstellerin Dina Nayeri ist ihr eigener Mathab Traum. Von einem Iran (einem Persien), das es längst nicht mehr gibt. Die Geschichten, die schöne Sprache, das Unfassbare und für mich unbegreifliche hat sich tief in meine Gedanken verankert. Als würde mich eine Krake mit ihren Tentakeln halten und in die Tiefe reißen. Dina Nayeri erzählt in einer wunderschönen Sprache von den Sitten und Gebräuchen zwischen Orient und Okzident, vom Verlust der alten Heimat, Sehnsüchten, Träumen, von Freundschaft und vom Erwachsenwerden. Die Hafezis gehören dem christlichen Glauben an, somit gehören sie zu den andersgläubigen (nicht tolerierten) Minderheiten, die auch heute noch verfolgt werden. Ich kann auch jetzt nicht von „Ein Teelöffel Land und Meer“ lassen, blättere darin rum und lese vereinzelte Passagen. Die uralten arabischen Geschichten haben mich träumen lassen,  indes hat mich das Leben der Hafezis nach der islamischen Revolution im Jahr 1979, nach dem Sturz des ehemalig regierenden Schah Mohammed Reza Pahlavie, der damit verbundene Machtwechsel und Umbruch zur Theokratie, sehr nachdenklich  werden lassen. Es stimmt, wenn man sagt, dass sich Geschichten wie in einer Zeitschleife wiederholen.

Es ist der Sommer 1981, der das Leben der erst 11-jährigen Saba und auch das ihres Vaters, mit dem mysteriösen Verschwinden ihrer Mutter und Zwillingsschwester Mathab auf tragische Weise mit einen Schlag verändert.  Zuletzt hatte Saba Mathab und ihre Mutter am Teheraner Flughafen gesehen. Ein Wust aus Erinnerungen bestätigt ihr,  dass sie das Land verlassen haben, und sie und ihren Vater zurückließen.

„Viellleicht flogen sie nach Amerika, vielleicht in ein noch ferneres, noch unerreichbareres Land.“

„Sabas Erinnerung mag unscharf sein, meine ist es nicht. Und ja, ja, zu gegebener Zeit werde ich Ihnen alles erzählen. Geschichtenerzähler soll man nicht drängen.“ S. 16 (Khanom Basir)

Im Dorf kursieren Gerüchte, die Saba nicht glauben will, nicht glauben kann. Ich bin ganz bei ihr, denn auf ihre Frage, wo genau sich die Leichname ihrer Mutter und Schwester befinden, weiß keiner zu antworten.  Selbst eine ordentliche Bestattung hatte nie stattgefunden. Ob auf diese Fragen oder andere, die Alten weichen ihnen stets aus. Agha Hafezi  lenkt sich mit der Arbeit seiner zu bewirtenden Ländereien ab, Saba verpackt ihre Erinnerungen, ihre Hoffnung und ihre Träume in Geschichten, die sie ihren Freunden Reza und Ponneh erzählt. Hoffnungen und Träume, die wie Kopfkissenfedern zu Boden gleiten – ich möchte sie auffangen, sie schützen. Saba und ihr Vater leben zusammen mit den Nachbarn und Ersatzmüttern – Khanom Basir, Khanom Mansuri, Khanom Omidi und ihren Freunden in der nordiranischen Provinz Gilan. Immer auf der Suche nach der Wahrheit begleiten wir Saba durch verschiedene Lebensstationen des Erwachsenwerdens. Sie liest verbotene Bücher und Magazine, und hört mit ihren Freunden englischsprachige Musik. Saba ist nach westlichen Werten erzogen worden, sie ist sehr wissbegierig und immer darauf bedacht ihren englischen Wortschatz  zu erweitern.  Saba ist sich sicher es ihrer Mutter und Mathab irgendwann nachzutun und den Iran zu verlassen. Natürlich will sie dafür gut vorbereitet sein. Wird sie es schaffen? Werden sich ihre Träume von einem Leben in Amerika und der von Baba Harvard jemals erfüllen? Wird sie den anderen Teil ihrer Familie irgendwann wiedersehen?

Wenn Saba ihre Geschichten erzählt, dann spricht sie in leuchtenden Farben – über Amerika, die Musik, die Bücher …, und davon wie Mathab sich in der Fremde zurechtfindet. Gleichzeitig widersetzt sie sich, so wie Khanom Basir sagt, einer sehr wichtigen Regel, die besagt, dass jede frei erfundene oder nacherzählte Geschichte mit einem Gedicht schließen muss und mit dugh oder mast endet. Für Lüge oder Wahrheit. Doch je älter Saba wird, ändern sich auch ihre Geschichten. Wird sie jemals herausfinden was wahr und was falsch ist?

„Da wohnt Mathab jetzt“, sagt sie und betrachtet den opulenten Speisesaal mit seinen üppigen Vorhängen und glitzernden Dekozweigen und befrackten Männern. Die anderen schweigen einen Moment, dann murmelt Reza: „In dem Haus von dem Schah?“
„Ich mein doch nicht genau da“, sagt sie. Sie holt zwei andere Zeitschriften hervor, die sie in ihren Rucksacktaschen versteckt hatte. Sie blättert die Seiten durch, die alle typische Bilder amerikanischen Lebens zeigen – wallendes Haar und Farbfernseher. Cabrios und Apfelkuchen. Hamburger, Zigaretten und stapelweise  Musikkassetten. Eine ausdruckslose Statue mit einer Fackel in der Hand.  […] S. 44 (Sommer 1981)

Ich habe bereits mit Beginn der ersten Seiten die Tapete zur anderen (mir fremdartigen) Welt aufgekratzt und alles genau beobachten können. Wenn sich um Khanom Basir herum alles versammelt,  Agha Hafezi sich irgendein Kraut mit dem befreundeten Muhlah teilt, während sie, Khanom Basir die Böse, die uralten persischen Geschichten und  Märchen zum Besten gibt, dann ist das mitunter eines der schönsten Momente, die man nur schwer in schöne Worte packen kann um  nur annähernd das Gefühl zu erklären.  Genauso ergeht es mir, wenn  sich die Finsternis vor meinen Augen ausbreitet. Das sind die Geschichten, die das Blut in den Adern  zum gefrieren bringen. Gräßliche scheußliche Taten, nach dem Gesetz der Scharia. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, geschweige denn verstehen. Tiefschwarze Wolken ziehen über  das Land, sie beschreiben das wirkliche Leben in einem islamischen Staat. „Man muss lügen um zu überleben!“ Diesen Satz habe ich übrigens vor kurzem von einer Frau in der ZDF Dokumentation „Die Kinder von Aleppo“ zu hören bekommen. Sofort war ich wieder bei ein „Teelöffel Land und Meer.“ Denn so ähnlich habe ich diesen Satz in Erinnerung.

Dina Nayeri versetzt sich in die Psyche jedes Charakters. Ich begleitete Saba, Reza und Ponneh auf ihren Lebensweg, ich spürte sie reifen, wie  auch Sabas Geschichten auf der Suche nach Antworten, nach Lüge oder Wahrheit sich im Laufe der Zeit verändern. Die Art des Erzählens, mittels sich stetig wechselnden Perspektiven und Erzählformen, zeigt nicht nur dass die Schriftstellerin ihr Handwerk beherrscht. Die Liebe zur arabischen Literatur und des alten Irans durchdrang jede Faser meines Körpers. Selbst die Gerüche von zubereiteten fernöstlichen Köstlichkeiten, Maulbeeren, Teeblättern und Orangenscheiben wehen aus den Seiten heraus. Ein Duft, den man nicht vergisst. Das alles hat mich zutiefst berührt. Wird Saba ihre Geschichten jemals mit dugh oder mast beenden?

Fazit:
Diese und die uralten Geschichten aus dem Orient stecken voller Weisheiten, Lügen und Wahrheiten. Ja, ja, die Wahrheit ist schonungslos und die Lüge ist wie eine rettendes Fischerboot. Ich danke jeden, der mir „Ein Teelöffel Land und Meer“ ans Herz gelegt hat. Was bleibt sind unvergessene Leseabende und eine Leserin, die über die Bedeutung von „nicht frei zu sein“ nachdenkt.

x Autor/in: Dina Nayeri
x Titel: Ein Teelöffel Land und Meer
x Genre: Roman
x 528 Seiten
x Mare Verlag
x ISBN: 978-3866480131

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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