Die Welt der Bienen ganz nah…

Die Bienen von Laline Paul

„Die Liebe ist größer als alles andere“ hatte Laline Paull gesagt, als sie Denis Scheck und uns Lesern in einem Interview von ihrer Idee, eine Geschichte über „Die Bienen“ zu schreiben, erzählte. Das war im Herbst 2014, als sich viele Bücherjunkies auf die Frankfurter Buchmesse vorbereitet hatten und nahezu jedes Blatt zur Einstimmung eine literarische Sonderbeilage herausgebracht hatte. In der ganzen Flut an Neuerscheinungen, ist es nicht immer einfach das herauszupicken, was zu einem passt. Für mich ist das Debüt der aus Oxford stammenden Autorin ein echter Glücksgriff. Ein Märchen für Erwachsene!

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Laline Paull lässt uns in die Welt eines streng kontrollierten Bienenstocks ein, der sich in der Nähe weiter Felder und tausend duftender Blumen, in einem verwilderten alten Obstgarten befindet. Sie erzählt von den abenteuerlichen Geschichten und Geschicken einer ganz besonderen Hygienebiene; ihr Sippenname lautet Flora 717. Sie ist die Heldin in Laline Paull`s Roman und erinnert uns ein bisschen an die berühmte Biene Maja. Was sie von den anderen Floras unterscheidet, sorgt in der Rangfolge der höhergestellten Sippen – den Karden und Melissen – für ordentlich Aufruhr. Vor allem, weil Flora sprechen kann. In den Augen ihrer Schwestern ist diese Neunmalkluge Biene unfassbar hässlich; mitunter hat sie es faustdick hinter den Ohren. Eigentlich besteht die Aufgabe der Floras darin, den Palast von Kadavern zu befreien und sauber zu halten, aber 717 ist ein Ausnahmetalent und arbeitet sich bis zur Sammlerin hoch.

„Der Übergang von Knospe zu Blüte zu Frucht zu Same ist in den Wänden der Bibliothek Ihrer Majestät eingeschrieben – doch diese neue Jahreszeit des fortwährenden Regens ist dort nicht verzeichnet. Jede Schwester weiß, wie viele Sammlerinnen wir verloren haben, aber derbe Flügel halten mehr aus als ihre hochgeborenen Verwandten. Aus diesem Grund geben wir bekannt, dass wir eine Ausnahme von den überkommenen Geboten unseres Schwarms machen. Flora 717 ist es gestattet, auf Futtersuche zu gehen.“ S. 129

Mit ihrem Mut gewinnt sie die Gunst der Königin und die Schwestern sind außer sich. Und seien wir doch mal ehrlich, was wäre ein königlicher Hof ohne Intrigen? Die Autorin lässt nichts aus. Floras Leben entwickelt sich im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Spießrutenlauf und ich kann euch sagen, dass mit jeder Zeile mein Herz schneller klopfte. Dann sind da noch die Drohnen mit den witzigen Namen Herrn Eiche, Herr Linde, Pappel usw. Deren einzige Lebensaufgabe besteht einzig und allein darin, die Königin zu befruchten. Auf Grund ihres Geschlechts genießen sie die Herrlichkeit ihres kurzen Daseins. Trotzdem haben alle im Schwarm eines gemeinsam: Sie stehen im Dienst der „First Lady“! Der Staat ist perfekt strukturiert. Die Aufgaben und Rollen klar verteilt. Oh ja, und immer wenn die Polizei durch die Korridore des Bienenstocks marschierte, begann auch ich zu zittern. „Arbeiten, gehorchen, dienen“. Im Bienenstock sorgt das Pheromon der Königin für Wärme und gute Arbeitsmoral, aber auch dafür, dass die Arbeiterinnen keine Eier legen, was sich nicht immer vermeiden lässt. Wer Eier legt hat sein Leben verspielt, dass weiß auch Flora als sie ihr Ei streichelt und in Gedanken zu sich selbst spricht: „Nur die Königin darf sich fortpflanzen!“ Wie konnte das passieren? Natürlich wird ihr Ei entdeckt. Diese Neuigkeit versetzt den ganzen Schwarm in eine Art Schockstarre und es dauert nicht lang, da bricht das völlige Chaos aus.

Nach nur wenigen Seiten wird klar, dass Flora ein phänomenales Bewusstsein besitzt und sich mit der Zeit ihrer selbst sogar immer bewusster wird. Sie nimmt nicht nur Reize auf, sondern erlebt sie auch. Erst sind es Farben und Düfte. Als sie gegen eine der höchsten Regeln verstößt und ein Ei legt, ist es die Liebe und der Schmerz. Die Liebe – sowohl zur Königin und dem Bienenvolk, als auch zu ihrem ungeborenen Kind. Es gilt,  sie vor Krankheit, Eindringlingen und dem Wechsel der Jahreszeiten zu schützen. Wir Menschen werden nur mit wenigen Zeilen im Prolog und Epilog bedacht. Schließlich sind wir diejenigen, die mit dem Eingriff in die Natur das Gleichgewicht  aus dem Ruder bringen und für das Bienensterben verantwortlich sind. Was  zunächst so märchenhaft anmutet, wird zur Fabel. „Die Bienen“ ist ein Roman mit Tiefgang. Witzig ist, wie Laline Paull die Drohnen portraitiert. Sie sind egoistisch und faul. Ihre herrische Art ist mit so viel Witz und Fantasie beschrieben, dass ich die Bilder direkt vor Augen hatte. Allerdings schafft Laline Paull mit jeder Zeile eine neue Abfolge an Bildern, die wie ein Comic an mir vorbeirauschen.

Ich liebe „Die Bienen“. Wie Laline Paull mit Floras Geschichte das ökologische System eines Bienenstocks inmitten wunderschöner Landschaften schildert, ist genial und faszinierend zugleich. Die Natur hat ihre eigenen Gesetze!

 

x Autor/in: Laline Paull
x Übersetzer/in: Hannes Riffel
x Titel: Die Bienen
x Genre: Roman
x 345 Seiten
x Klett-Cotta u. Tropen Verlag
x ISBN: 978-3-608-50147-6

 

www.tropen.de

Webseite von Laline Paull

empfehlenswerte Rezensionen anderer Blogger:  Buch und Medienblog, Verlorene Werke, The Nerdy Stuff

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

2 Kommentare

  1. Liebe Tanja,

    das ist ganz eindeutig eines der Bücher, die man immer wieder lesen möchte. „Die Bienen“ steckt voller unglaublicher Bilder und Szenen. Man glaubt beinahe sie anfassen und sogar riechen zu können.

    Liebe Grüße vom Buch- und Medienblog
    Oliver W. Steinhäuser

  2. Hallo Oliver,

    du sprichst mir aus der Seele. Ganz sicher werde ich irgendwann noch einmal mit der wilden Flora durch Kräuterweiden und Obstgärten schwirren. Das Buch hat mich so beeindruckt, dass ich, auch jetzt noch, mehr über das fleißige Volk der Bienen lernen möchte. Zwei Sachbücher habe ich sozusagen im Visier. Das wäre „Die Biene“ von Noah Wilson-Rich und „Die Intelligenz der Bienen“ von Randolf Menzel.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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