„Die Sommer mit Lulu“ von Peter Nichols

Der Sommer mit Lulu ist ein Gesellschaftsroman von Peter Nichols

»Die Sommer mit Lulu« ist eine generationsübergreifende Geschichte – eine Familiensaga, ein maritimes Abenteuer, ein Moment des vollkommenen Leseglücks. Es ist der sechste Roman von Peter Nichols, der übrigens genau wie sein Held, in einem Boot über die Meere geschippert ist und persönliche Erlebnisse mit fiktiven mischt. Einfach gut geschrieben! Diese Geschichte, rückwärts und in der Perspektive des Allwissenden erzählt, ist wie eine Irrfahrt durch die Zeiten. Im Strudel, zwischen Kunst, Wolllust und Hass, habe ich mich wie ein Detektiv auf die Lauer gelegt, um die Spuren rund um die Geschehnisse der Familien Davenport und Rutledge zu verfolgen. Ich habe dem Verfall zweier Familien beigewohnt – quasi aus nächster Nähe. Dreh- und Angelpunkt ist Geralds Hütte in C`an Cabrer, sowie die Villa Los Roques, Lulus kleines Strandhotel, das sich im Osten der balearischen Insel Mallorca befindet. Die Klippen, so wird das Strandhotel allgemein genannt, ist sozusagen ein Treffpunkt für Lebenskünstler und Intellektuelle. Vor allem sind es jedoch die Freunde, die Jahr für Jahr ihren Sommerurlaub bei der exzentrischen Lulu verbringen, oder sich bereits dauerhaft in einem ihrer Zimmer einquartiert haben.

Der Sommer mit Lulu ist ein Gesellschaftsroman von Peter Nichols

Es ist das Jahr 2005, als sich Lulu und Gerald nach 57 Jahren wieder begegnen. Und man spürt förmlich, sozusagen durch die Seiten hindurch, wie feindlich Lulu ihrem ersten Ehemann, sie waren ganze zwei Wochen verheiratet, gesinnt ist. Als es auf den Klippen von Cala Marsopa zu einem unerbittlichen Streit kommt, verliert Lulu das Gleichgewicht. Gerald versucht sie noch am Arm zu packen und wird mit ihr zusammen in die Tiefe gerissen. Sie stürzen ins Meer und sind sofort Tod. So beginnt der Roman.
Hass peitscht sich von Seite zu Seite und frisst sich wie aufschäumendes Wasser in die Felswand, ohne zu ersticken. »Du hast nie …« und die Worte, welche Lulu ihm entgegnet »Du bist einfach abgehauen, du feiger Arsch«, »Du hast den Film nie entwickeln lassen! Oder?«, die Narbe an Lulus Kinn, der Dialog aus gegenseitigen Vorwürfen und Erklärungsversuchen, immerzu ins Wort fallend, sind quasi der Mittelpunkt eines erst farblosen Gemäldes, auf das sich das ganze drumherum in aller Komplexität, Schicht um Schicht und in Rückblenden aufbaut. Die Kinder aus zweiter Ehe (Aegwina Rutledge und Luc Franklin) kommen hinzu, als sie mit dem Tod ihrer Eltern und dem Unfallhergang konfrontiert werden. Genau da wird dem Leser bewusst, dass der Streit zwischen Lulu und Gerald viel tiefer verwurzelt ist, als vielleicht angenommen. Insgesamt spannt Nichols den Bogen so weit, das er parallel mehrere Geschichten erzählt. Er musste sie erzählen.

»Keiner von ihnen ließ eine Gefühlsregung erkennen, während er vom Tod ihrer Eltern sprach und die Verletzungen in allen Einzelheiten schilderte, dee man an den Leichen gefunden hatte. Aber der Kommissar ließ sich dadurch nicht täuschen. Es war ihm aufgefallen, dass sie sich kaum angeschaut hatten. Sie vermieden jeden Anflug von Wärme und Trost, alles, was vielleicht zu Tränenausbrüchen hätte führen können. Nicht einmal eine Umarmung oder ein Händedruck zwischen alten Freunden, keinerlei Anzeichen von Trauer, die der Situation angemessen gewesen wären und für die der Kommissar bewährte Worte des Trostes parat gehabt hätte. Diese beiden Personen konnten sich nicht ausstehen.« S. 16

Die Reise nimmt, mit ein paar langatmigen Textstellen zu Beginn, ab Seite 150 so richtig Fahrt auf. Es ist ein Segelturn ins Jahr 1948  und wieder zurück. Bei stiller und stürmischer See wird der Leser immer tiefer in die Geschehnisse und in die Leben derer, die genannt werden, hineingezogen.

Begegnungen

Ich sehe Lulu, wie sie elegant über ihren Garten schwebt und Rosenbüsche schneidet – schnipp schnapp. Ich lerne ihren Sohn Luc Franklin und Geralds Tochter Aegina kennen. Er versucht Fuß zu fassen in der Filmbranche, sie ist eine talentierte Malerin – beide verbindet die Erinnerung an ihre Kindheit und Jugend. Dann sind da noch die vielen Gäste in der Villa Los Roques zu erwähnen. Dazu zählen Freunde wie der schmierige Schriftsteller Dominic, Rechtsanwälte, Immobilien- und Filmmenschen.

Cassion Ollorenshaw, der Sohn von Milly und Tom (sie zählen zu Lulus besten Freunden), gehört bereits zum lebenden Inventar. Er ist ein passionierter Backgammon-Spieler, der immer gewinnt. Es ist der alte Trick so zu tun, als gäbe man sich geschlagen. Mit der dicken Zigarre zwischen dem Mundwinkel, und so wie Nichols ihn beschreibt, kommt er mir wie der Pate vor. Aus deutscher Sicht jedoch spüre ich eine gewisse Art Ablehnung. So eigenbrötlerisch und speziell wir Deutschen auch sind, aber geben wir wirklich so ein erbärmliches Bild ab? Wahrscheinlich! Doch dann hat man wieder Lulus altehrwürdigen englischen Akzent im Ohr, wenn sie mit Darling beginnt oder endet, während sie an ihrer Tasse Tee nippt. Lulu – sie ist geheimnisvoll, hübsch, verdorben, unvergesslich unsympathisch und trotzdem  ist sie eine Freundin, auf die man sich verlassen kann.

Die Sommer mit Lulu von Peter Nichols

Hass,  Freundschaft, Liebe und Affären sind die Synonyme, die den Mahlstrom in diesem Gesellschaftsroman am besten beschreiben. Indirekt, ja eigentlich in Geralds Lebensentwurf, geht Nichols sogar auf das soziale und ökonomische Ungleichgewicht ein. Wir lernen zwar noch den Ursprung des alten Mallorcas kennen, doch der Umbruch kündigt sich bereits an. Das Leben auf der Insel wird so teuer, dass Gerald sich gezwungen sieht, seinen geliebten Hain zu verkaufen. In Geralds traurigen Gedanken schießen Hotel- und Apartmentsilos wie Pilze in die Höhe, ein paar Tage darauf wird er nicht vom Gesang der Vögel geweckt, sondern vom Geräusch großer Maschinen.

Nichols Erzählstil ist so plastisch, dass  in meinem Kopf ein Farbfilm rattert. Köstlich ist sein Humor und es fällt mir sichtlich schwer den schönsten oder dramatischsten oder gar abscheulichsten Moment zu bestimmen; gibt es doch so viele. Angefangen mit Geralds fantastischer Rede zu seinem wiederbelebten Buch »Der Weg nach Ithaka« in der Duveen Gallery. Das Bild, wenn er auf seinem Hügel steht und gedankenverloren aufs Meer blickt oder wenn er seinen Enkel Charly auf sein Moped setzt, losfährt, um am Strand nach Charlys Mama und Papa zu suchen. Das ist so toll und rasant geschrieben, da nimmt man jede Kurve mit.

»Und los gehts. Halt dich ganz fest!« Das Moped brummte laut und zitterte unter Charlies Beinen, dann sprang es vorwärts. Charlie lachte laut und gab ein begeistertes Kreischen von sich. Die Steinmauern am Straßenrand verschwammen. Ein kleiner gelber Lichtfleck hüpfte vor ihnen her, während sie unter dem indigoblauen Himmel durch die Dunkelheit rasten. S. 186

Fazit:

Diese komplexe und vielschichtige Geschichte mit ihren ganzen dramatischen Irrungen und Wirrungen und überraschenden Wendungen, diese bis unter die Haut gehende pulsierende Atmosphäre, das alte heraufbeschworene Mallorca, die Sommer am Meer, Marrakesch, das Sturmgewitter der Intrigen und Affären, die Freundschaften, das alles lässt mich nicht los. Gleichermaßen ist das Buch eine Liebeserklärung an die griechische Mythologie sowie an die Literatur.

Der Reisende wird über die bei Zeiten kurzweilige Langatmigkeit hinwegkommen und »Die Sommer mit Lulu« am Ende mit dem Gefühl, einen großartigen Geschichtenerzähler kennengerlernt zu haben, zur Seite legen. Ganz großes Kino!

 

Die Sommer mit Lulu, 507 Seiten, Autor: Peter Nichols, Übersetzung: Dorothee Merkel, Klett-Cotta Verlag, ISBN 978-3-446-25055-0

Interessante Links: Writers on Location – Peter Nichols on Mallorca , Lesebericht von Heiner Wittmann im Klett Cotta Blog

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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