Die dunkle Seite einer Weltstadt – Heinz Strunk – Der goldene Handschuh

Heinz Strunk

Die glänzenden Lichter der Großstadt, die Flaniermeilen und Einkaufszentren der Innenstädte, sie zeigen das pulsierende Leben einer Stadt auf. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Hamburg zeigt im besonderen Maße auf, dass unsere bekannten Metropolen zum Schmelztigel der Gesellschaftsschichten geworden ist. Doch trotzdem findet man Stadtteile, Straßenzüge und Ortschaften vor, welche einer bestimmten Klientel vorbehalten sind. Während das Geld in Blankenese oder Winterhude für alle „Besucher“ ersichtlich zu sein scheint und gern auf dem Jungfernstieg zur Schau gestellt wird, findet man in Stadtteilen wie Sankt Georg, Mümmelmannsberg oder Steilshoop ein völlig anderes Bild vor. Nichtsdestotrotz kommt es täglich zu Berührungspunkten, an welchen sich Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten treffen. Oftmals liegen diese Orte verborgen – in den Schatten der Großstadt.

Heinz Strunk

Einer dieser Orte ist eine runtergekommene Kneipe. In den frühen 70er Jahren gehörte ein Mann zu den Stammgästen des Lokals, welcher sich bald über die Stadtgrenzen der Stadt hinaus einen Namen machen sollte: Fritz Honka!

Heinz Strunk erzählt nicht einfach die Geschichte eines Frauenmörders. Vielmehr berichtet er über die verzweifelten und desorientierten Menschen einer Stadt, welche sich nach Ende des 2. Weltkrieges rasend schnell zu entwickeln scheint, während sie selbst auf der Strecke bleiben. Es sind „Malocher“, Gelegenheitsarbeiter, Kriegsversehrte und alte Dirnen, die die Flucht und Veränderung suchen. Doch ihr Hamsterrad sind Drogen, allen voran der Alkohol, welche sie auf der Stelle treten lässt.

Doch auch in den oberen Schichten der Gesellschaft finden sich „Gestrandete“. Menschen, die mit dem Tempo der Stadt nicht schritthalten können und alten erfolgreichen Zeiten nachtrauern. Das Geld ist noch immer vorhanden, doch die Dekadenz und fehlende Achtung führen in die Arme, die so manchem Menschen für den Moment Trost und Liebe schenkte. Hemmungslosigkeit, ungezügelte Wut und ausschweifende Gelage mit reichlich Alkohol vereinen schließlich Menschen miteinander, welche sich im täglichen Leben niemals begegnen. So ein „Hotspot“ stellt der „Goldene Handschuh“ dar. Gescheitere Existenzen! Hoffnungslosigkeit! Trauer! Wut! Zorn!

Menschen, welche in so einem Umfeld Tag für Tag um das eigene Überleben kämpfen und lediglich Trost im brennenden Rausch finden, unternehmen Taten, die sie unter anderen Umständen sicherlich nicht begehen würden.

„Es gibt genau drei Gründe, warum man trinkt“, fügt Siggi wieder an. „Erstens, um was Schlimmes zu vergessen, zweitens, um was Schönes zu feiern, und drittens, wenn mal nichts los ist, damit was passiert.“ Stimmt auch schon wieder. Dazu ein Schnaps und ein Bier. Und gleich noch mal dasselbe. Seite 79

Der Abstieg in die finsteren Gassen einer Stadt, kann Menschen in den Wahnsinn treiben. So ist es nicht nur Honka ergangen. Heinz Strunk zeichnet keine sozialkritische Studie nach oder schreibt mit „erhobenem Zeigefinger“. Es ist eine traurige, oft schockierende und teils unfassbare Geschichte, die sich auch heute noch täglich in unseren Städten abspielt.

Vielleicht sollte sich der Leser nach diesem überaus gelungenen Roman keinen Drink gönnen. Die Faszination für die düstere Seite des Menschen und das anzügliche und oft hemmungslose Verhalten erschrecken und beeindrucken im gleichen Maße. Auch wenn ich beim Lesen kopfschüttelnd durch die Seiten blätterte, faszinierte mich diese Lebenslinie. Heinz Strunk hat mich mit dieser Erzählung gefesselt und sprachlos zurückgelassen. Eine absolute Leseempfehlung!

Der Goldene Handschuh, 254 Seiten, Autor: Heinz Strunk, Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-498-06436-5

Interessante Links, weitere Rezensionen im Netz:

Fritz Honka. Serienmörder und armes Würstchen (NDR) , Buchlese

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