„Die Blumen von Hiroshima“ #02

13. August 2015 – tief in der Nacht

Der Horror von Hiroshima, die Verwüstung, der Tod und die Armut – die dunklen Kapitel des 20. Jahrhunderts vergesse ich für einen kurzen Moment, wenn ich Morris Erzählerin Yuka-San teekochend in der kleinen Küche stehen sehe und ihren Worten lausche.  Yuka Nakamura, lebt mit ihrem Mann, den Kindern und ihrer Schwester Ohatsu in einer kleinen gemütlich eingerichteten Wohnung mit Garten; in einem Haus, das von außen alt und marode wirkt. Sie fragt sich, ob der neue Mieter, der US-Amerikaner Sam Willboughby, zufrieden sei, wenn er auf ein Kissen, gefüllt mit Reis, schläft. Es scheint, als würde sie, trotz der Armut, ein glückliches Leben führen.  Die Wunden sind nicht verheilt – der Schmerz, innerlich und äußerlich so groß, dass sie uns zuerst vom Unterschied zwischen japanischen und westlichen Verhaltensweisen erzählt und ihrem Wunsch ein bisschen etwas von der westlichen Art zu übernehmen. Ich tue mich damit schwer, Menschen eine Schablone aufzulegen, welche ihr Verhalten erklären könnte.  E. Morris gelingt das auf eine – man möchte sagen – unkomplizierte poetische Weise; mit der Amönität und dem Zauber, wie wir sie von japanischen Bildern kennen. Typisch japanische Köstlichkeiten werden aufgetischt – Reis und Seetang. Kulinarisch betrachtet ist Japan glaube ich sehr spannend. Und dann erlebe ich wie Yuka einmal ihren Ängsten und Gefühlen Luft macht. Sie geht dazu in die Küche, stampft lautlos mit den Füßen auf den Boden und presst ganz fest die Lippen zusammen. Das ist nicht der einzige Moment, bei dem mir ein Lächeln übers` Gesicht huscht.

edita-morris-teewasser

„Was auch geschehen mag, der Hero-san (Sam) soll nicht merken, dass das alte Hiroshima noch immer lebt. Denn unsere Stadt ist ja auf Trümmern aufgebaut und die alte Bevölkerung, verbrannt und zerbrochen, lebt weiter in den Slums.“ S. 48

E. Morris gräbt tiefer in Yukas und Fumios hermetisch abgeriegelten Welt und legt mit Maeda-san offen, dass die Überlebenden von Nagasaki und Hiroshima wie Aussätzige behandelt worden sind. Der Finger auf Yukas Lippen – „Psssst“ -, kann den Maler nicht abhalten, die Wahrheit zu sprechen. Und dann erzählt er von Harada-san und davon, dass sie schwer arbeitete und Meilen um Meilen ging um Essbares zu finden, doch sie hatte Glück, sagt er.

„Sie nicht gemerkt haben, dass sie mit Opfern von Atombombe sprechen, mein Freund?“ S.78

14. August 2015 – 18:00 Uhr

Eine Zeitreise – ich habe viel nachgedacht.

Ein schöner Soundtrack – passend zum Buch: Ennio Morricone –Once Upon a Time in America‘.

Das unten zitierte, habe ich aus dem Filmtext „Der Atombombendom – ein seltsames Stück Weltkulturerbe“.  Noch ist der Text auf der Seite vom SWR unter ´Schätze der Welt` nachzulesen.

„Die noch lebten, rannten durcheinander, flohen – aber wohin? – alle suchten ihre Lieben, und wenn man sich wiederfand, dann oft nur, um einander sterben zu sehen.“

Die Tage vergehen und Sam wird mit den Langzeitfolgen der radioaktiven Strahlung konfrontiert und folglich auch mit dem, was er auf der Fahrt zum Ohta hautnah miterlebt hatte und erleben wird. Fumios Sonnenstich ist die letzte Phase seiner Krankheit. Wenn ich an die Fahrt in der „altehrwürdigen Ente“ (wie Yuka sie liebevoll nennt) und an den zerfledderten Reiseführer zurückdenke, kriecht mir ein eisig kalter Schauder über meinen  Rücken. Warm wird mir ums Herz, wenn ich von Kapitel zu Kapitel die schönen schwarz-weiß Illustrationen betrachte, oder wenn Yuka und Ohatsu über die Liebe sprechen. Und dann ist da noch die geheimnisvolle Schachtel der Schwestern, in welcher sie alle Erinnerungen wie einen heiligen Schatz aufbewahren.

Ein sehr trauriges Buch, das lange nachhallt.

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: