Der Löwensucher – Kenneth Bonert

Der Löwensucher

«Was auch immer jenseits der Seen und Wälder ihrer grünen Welt lag, war für sie dunkel wie die Nacht. Sie hatte nie eine Landkarte studiert, bis es an der Zeit war, für immer fortzugehen.»

Kenneth Bonert ist ein südafrikanisch-kanadischer Schriftsteller, vor seinem grandiosen Romandebüt schrieb er Kurzgeschichten – unter anderem „Packers and Movers“.  „Der Löwensucher“ im Original „The Lionseeker“, ausgezeichnet mit dem National Jewish Book und dem Edward Lewis Wallant Award, wurde von Stefanie Schäfer ins Deutsche übersetzt.

Stehend, sitztend, liegend – Zuhause, in der Bahn; ich las das Buch überall. Unfassbar lebendig und authentisch erzählt Kenneth B. die Geschichte von Isaac, der kein Schaf sondern ein Löwe sein will, dass ich zwischendrin nach Atem rang. Manchmal vor Freude, manchmal vor Entsetzen.  Die jüdische Familie Helger ist 1924 von Litauen nach Südafrika emigriert – dem Vater Abel hinterher. Luftlinie zum Kap der guten Hoffnung 1.289,81 km. Sie leben in einer kleinen Hütte im jüdischen Viertel Doornfontein und träumen von einem besseren Leben.

Der Autor vereint so viele große Themen. Unter anderem geht es um Freundschaft, Lügen, Verrat, Liebe und für Isaac und seine Mutter um den Traum, irgendwann ein großes Haus mit Garten für die ganze Familie zu kaufen – vielleicht irgendwo in Parktown. Das wärs!

Innerhalb der südafrikanischen Bevölkerung treffen vielfältige ethnische Gruppen mit kulturellen Unterschieden, Traditionen, Sprachen und Religionen aufeinander und ich spüre nicht nur, wie die Sonne auf meiner Haut brennt, sondern höre den Sound der Straße, wenn ich mit Isaac durch Doornfontein streife. Das Leben vibriert – und  ja, du kannst es spüren.

Aber Kenneth Bonert kann auch anders. Er scheut nicht den Konflikt, sondern stürzt sich mitten rein. Schonungslos und fabulös erzählt der Autor, wie der ungestüme Isaac in Johannesburg der 30er Jahre in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und sich behaupten muss – inmitten von Rassismus und Gewalt. Wie er von der Schule fliegt, durch die Straßen streift, von Silas (einem Freund) africaans lernt und seine Leidenschaft für Autos entdeckt, sich in ein Mädchen verliebt und verändert. Vom Pech verfolgt, verläuft Isaacs Leben anders als geplant. Zum Beispiel gerät er an einen Typen namens Bletznik, der Lichtzauber verkauft und ihn zu seinem Partner macht. Bletznik ist wie das Unheil von oben, das aus dem Nichts kommt. Obwohl er bei Pferdewetten die ganzen Einnahmen verzockt, ist er ein liebenswerter Mensch. Genauso wie Gitelle, die ihren lästigen Besuch eines Tages mit einer Axt aus Abels Uhrenwerkstatt gejagt hat. Köstlich zu lesen.

Auch  die antisemetische Hetze der South African Gentile – die „Greyshirts“ (eine Gruppierung, die mit der Machtergreifung von Hitler 1933 hervortat) wird angesprochen. Später folgt der Beginn der Apartheid. Isaac gerät selbst im Gespräch mit Freunden immer öfter zwischen die Fronten. Und dann ist da noch Magnus Oberholzer – ein Judenhasser, der ihm das Leben im wahrsten Sinne des Wortes zur Hölle macht. Das alles und die vielen Geheimnisse, die Flucht, das Datum 17. April, die Briefe aus der Heimat, der Schmerz und natürlich die Erinnerungen, weil daheim anderwso ist, geistern Isaac im Kopf herum. Ein Fotoalbum erinnert an die Menschen und an das Schetl – die alte Heimat Dusat in Litauen.

Isaac! Erst schließt man ihn ins Herz, aber dann? Soll ich ihn mögen, hassen und zugleich trösten? Bonert führt uns gesellschaftliche, politische und persönliche Zustände und Veränderungen in der Zeitspanne 1925-1945 vor Augen. Sehr direkt und brutal, aber ehrlich. In diesem Zusammenhang fällt mir unter anderem der starke Dialog zwischen Yvonne und Isaac ein, wenn sie anfangen über die Stellung der Schwarzen zu streiten, wobei Isaac eher zum Scherzen zumute ist und ihre Frage zunächst nicht ernst nimmt. „Warum sagst du das?“, fragt sie. Und er, „Kaffer? Das ist doch nur ein Wort. Du hast keine Ahnung. Kannst du ihre Sprache?“ Darauf sie: „.. und du bist ein dreckiger Jude“ – Sie verstummt erst und fügt leise hinzu: „Das ist auch nur ein Wort.“ Im ersten Moment war ich geschockt. Da hilft nur ein Beruhigungstee und im Nächsten wird Isaac zum Romantiker – ohne jedoch, und das zeichnet Bonerts Erzählkraft aus, zu kuschelig zu werden. Ich mochte die Annäherung zwischen Isaac Helger und Yvonne Linhurst, aber ich finde Isaac hat Recht. Yvonne Linhurst gibt nach außen hin vor etwas zu sein, was sie in Wirklichkeit nicht ist. Insgesamt machen die Charaktere eine Entwicklung durch, wie ich sie mir wünsche, wenn ich ein Buch lese. Ja, genauso muss das sein.

Es ist dieses unerklärliche einerseits anderseits und das warum; diese Mischung aus jüdischem Humor und Melancholie, die Anekdoten, die Begegnung mit skurilen und liebenswerten Nebenfiguren wie Bletznik, Yankel, Blumenthal und Moses (der Gärtner der Linhursts), die Verwendung der Sprache aus Jiddisch, Afrikaans, Zulu und gebrochenem Englisch, die Liebesgeschichte und die schönen Erinnerungen an die Heimat, das diesen komplexen politischen Themen (angefangen mit den Pogromen während des russischen Bürgerkriegs) die Schwere nimmt und besonders macht. Und trotzdem bekam ich bei Seite 425 glasige Augen, ohne zu ahnen, dass alles noch schlimmer kommt.

„Der Löwensucher“ hat das Zeug verfilmt zu werden. Ein 800 Seiten schweres Meisterwerk, das sich wie von alleine liest und ja, ich will mehr. Kenneth Bonert hat einen atmosphärisch dichten und klugen Roman geschrieben, der zu Teilen auf eine wahre Begebenheit beruht die, wie er in einem Interview im Blog vom Verlag Diogenes verrät,  seine Phantasie angekurbelt hat. Die Geschichte liest sich wie ein Abenteuer- und gleichzeitig wie ein Gesellschaftsroman. Ich sage nur: Donnerwetter, was für ein Debüt!

 

Links und empfehlenswerte Rezensionen anderer Blogger:
Klappentexterin – Ein Buch, stark wie ein Löwe
Leseschatz – Der Löwensucher/Kenneth Bonert

Alles über Litauen / Der Krieg und die Juden in Litauen

The History Of Newtown & Braamfontein – Johannesburg

x Autor/in: Kenneth Bonert
x Übersetzer/in: Stefanie Schäfer
x Titel: Der Löwensucher
x Genre: Roman
x 800 Seiten
x Diogenes Verlag
x ISBN: 978-3-257-06923-5

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

2 Kommentare

  1. Ich habe dieses Buch unlängst verschenkt, aber selbst habe ich bisher noch nicht gekauft, aber das wird sich jetzt ändern, dank deiner überzeugenden Vorstellung. Danke.

  2. Liebe Martina, ich habe mich riesig über deinen Kommentar gefreut.
    Der Roman von K. Bonert ist ein wundervolles Buchgeschenk, aber in den Genuß zu kommen diese mitreißende Geschichte selbst zu erleben, ist noch viel schöner. Ja, man muss sich auch selbst mal was gönnen. Ich bin gespannt, wie dir das Buch gefallen wird.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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