David Foenkinos – Charlotte

"Charlotte" von David Foenkinos

“The war raged on and I sat by the sea and saw deep into the heart of humankind.”
– Charlotte Salomon, 1942

„Charlotte“ ist eine Art biographische Hommage an die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon. Sie war 26 Jahre jung und schwanger, als sie 1943 in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. David Foenkinos hat ihr Leben in Anlehnung an ihr autobiographisches Hauptwerk „Leben? Oder Theater? Ein Singespiel“ nachgezeichnet. Während des Schreibens und viele Jahre  zuvor, ist er ihren Spuren gefolgt. Sie führen uns nach Amsterdam, Südfrankreich bis hin nach Berlin-Charlottenburg, in die Wielandstraße Nr. 15. Wo das Mädchen im Berlin der 30er Jahre aufgewachsen ist; sie die Leidenschaft für die Kunst entdeckte, lernte sich über die Malerei auszudrücken und sich zum ersten Mal verliebte. Nichts lässt Foenkinos aus. Die Schrecken des 20. Jahrhunderts, die grässlichen Bilder und Gräueltaten des Naziregimes; sie werden vom Autor mit wenigen Worten und in einer Sprache, die jeder versteht, präzise benannt. C’est tout ma vie. Das ist mein ganzes Leben, soll die Malerin einst gesagt haben, als sie Dr. G. Moridis ihren Koffer mit all` ihren Zeichnungen anvertraut hat. Doch zurück zum Anfang. Da ist eine Abfolge an düsteren und tragischen Ereignissen, welche weit zurückreicht, wie ein Fluch auf die Familie lastet, und sich mütterlicherseits durch die ganze Linie zieht. Oft habe ich mich gefragt, was davon ist wahr, was fiktiv? Als Charlotte eines Tages ihren eigenen Namen auf dem Grabstein ihrer Tante liest, wirkt das so, als handle es sich dabei um die Verkündung des eigenen Schicksals. Ein Gedanke, bei dem mir in diesem Buch das erste Mal ein eiskalter Schauer den Rücken runter lief. Die Antworten sind simpel. Die Tante sei ertrunken und die Mutter hätte eine schlimme Grippe dahingerafft. Die Wahrheit, die ich als Leserin bereits mit den ersten Seiten kenne und Charlotte verschwiegen wird, ist der Beginn des Theaterspiels, das sich mit der Wirklichkeit vermischt. Da ist die Liebe, die Melancholie, die Kunst, die Nazi-Barbarei, zum Schluss die Flucht nach Südfrankreich ins Exil. Die Traurigkeit, die Leidenschaft, die Musik, die Wut, die Sehnsucht, der Tod und das Leben – alles vermischt sich.

Das ist mein ganzes Leben. / Aber was ist damit genau gemeint? / Ich übergebe Ihnen mein Werk, das mir so viel bedeutet, wie mein Leben. / Oder vielleicht: Mein Leben geht zu Ende, hier ist es. / Mein GANZES Leben. / Man kann diesen Satz auf alle möglichen Arten lesen. / Und alle Möglichkeiten scheinen zuzutreffen. S. 199

Die literarische Form von Stil und Sprache, welche sich der Autor auferlegt hat ist anders, als ich es von ihm gewohnt bin. Es ist für mich ein Mix aus Dramatik und Prosa. Eine Zeile pro Satz. Ein Koffer und ein Satz. Darin verpackt, die Tragödie und das ganze Seelenleben einer Malerin, die sich für die Kunst und das Leben entschied. Foenkinos berichtet von den Anfängen seiner Wallfahrt, wie er erst über den Kunsthistoriker Aby Warburg schreiben wollte, bevor er auf Empfehlung einer Freundin die Ausstellung Leben? Oder Theater? besucht hatte.

Ich war nach langer Irrfahrt am Ziel angelangt.
Das wusste ich gleich, als ich den Raum betrat.
Ich sah in Leben? Oder Theater? alles, was ich an Kunst mag.
All das, was mich seit Jahren beschäftigte.
Warburg und die Malerei.
Deutsche Literatur.
Musik und Fantasie.
Verzweiflung und Wahnsinn.
Alles war da.
Und leuchtete in schillernden Farben. S.70

Als Charlottes Vater Dr. Albert Salomon 1938 von den Nazis aufgegriffen wird, zitiert Foenkinos eine Zeile aus Kafka – Der Prozess. Ab da überschlagen sich die Ereignisse und Charlotte verlässt Deutschland; wider willen ihres Herzens und auf eindringlichem Bitten und Flehen ihres Vaters.

Die wundersame Wirkung von Büchern macht sich dann bemerkbar, wenn meine Augen rastlos weiterwandern. Zeile für Zeile; ich nicht loslassen kann und erst mit dem Umblättern nach Luft schnappe. Unbedingt lesen!

Links: Charlotte Salomon –  Jüdisches historisches Museum in Amsterdam.

David Foenkinos, geb. 1974 in Paris, arbeitet als Schriftsteller, Kolumnist, Drehbuchautor und Regisseur. Er studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne und Jazz am CIM (Centre d’informations musicales). Für seine Werke wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt für seinen aktuellen Roman „Charlotte“, mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt Preis des lycéens.


x Autor/in: David Foenkinos
x Übersetzer: Christian Kolb
x Titel: Charlotte
x Genre: Roman
x 240 Seiten
x DVA
x ISBN: 978-3-421-04708-3

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

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