„Das Licht zwischen den Meeren“ von M. L. Stedman

M. L. Stedman

Ich denke, dass der Gedanke und der Wunsch nach einem glücklichen Familienleben für Paare mit besonders tragischen Schicksalschlägen in der Tat so groß werden könnte, das für sie unsere allgemeinen und gesellschaftlichen Tugenden, Normen und Werte plötzlich nicht mehr relevant sind. Vielleicht wie hier im Roman, wenn das eigene Glück  durch eine erneute Fehlgeburt verwehrt bleibt. Aber von vorn.

M. L. Stedman

Da ist der Kriegsveteran Tom Sherboure; er arbeitet als Leuchtturmwächter auf der kleinen Insel Janus Rock, im Südwesten von Australien, wo er seit 1926 zusammen mit seiner Frau Isabelle (Izzy) lebt. Wie sehr die Vergangenheit an Tom nagt erfährt der Leser direkt zu Beginn. Auch das von Zeit zu Zeit alle möglichen Dinge im Herbststurm angeschwemmt werden. Wrackteile, Teekisten und Walknochen – aber welche Entdeckung sie dann machen, ist sensationell. Ein angeschwemmtes Fischerboot! Innen drin, die Leiche eines Mannes und  (sie können ihren Augen kaum trauen) ein schreiendes Baby, eingewickelt in einer rosa Strickjacke. Als Tom die Küstenwache alarmieren will bittet Izzy ihn, Weile walten zu lassen. Aus Liebe zu seiner Frau stimmt er zu. Nur eine Woche. Eine fatale Entscheidung.

„Blow the Wind southerly, southerly, southerly, blow the wind southerly o`er the bonnie blue sea.“

Und so vergehen Tage, Monate und sogar Jahre. Nichts passiert! Das Kind nennen sie Lucy.

Wie das so ist, werden Neuigkeiten auf dem Festland schnell verbreitet. Als Isabell durch Zufall erstmals von der leiblichen Mutter erfährt, die um ihren Mann und ihre Tochter Hannah trauert, erzählt sie Tom davon. Tom, der sichtlich an der Situation verzweifelt, ist dieses Szenario schon etliche Male gedanklich durchgegangen. Immer mit dem Wissen, dass irgendwann die Wahrheit ans Licht kommt.  Das traute Familienleben ist gestört und es kommt zum erbitterten Streit zwischen den Eheleuten.

janus-rock-mapBegleitet wird der Hauptteil zeitweise mit den schrecklichen Erinnerungen aus Toms Dienstzeit während des ersten Weltkriegs bei der Armee. Dieser Teil wird rückblickend und ebenfalls von Stedman in der allmächtigen Perspektive erzählt, gerät aber zunehmend in den Hintergrund. Nach dem Einsatz kämpft Tom selbst mit psychischen Problemen, ist also gar nicht im Stande in alle Himmelsrichtungen zu denken. Er sieht, wie seine Frau unter ihrer Depression leidet und entscheidet mit dem Herzen.

 

„Manchmal ist der Ozean nicht der Ozean – nicht blau, ja, nicht einmal Wasser, sondern ein heftiger und wuchtiger Gewaltsausbruch in einer Wildheit, wie nur Götter sie hervorrufen können. Er stürzt sich auf die Insel, dass die Gischt über den Leuchtturm hinwegspritzt…[..] “ S. 99

„Das Licht zwischen den Meeren“ ist zwar ein leiser gut komponierter, gesellschaftskritischer und emotionsgeladener Roman mit besonders schönen Momenten, aber mit Schwachstellen. Die fehlende Persönlichkeitsentwicklung ist nur die eine. Wie so oft greift auch hier das allseits bekannte Sprichwort: In der Kürze liegt die Würze! Die Geschichte verliert sich mehr und mehr in Alltäglichkeiten, als dass sie wirklich spannend wird und zum Höhepunkt kommt. Die klärende Auseinandersetzung findet statt, aber nicht wie ich erhofft hatte.  Hervorheben möchte ich allerdings die schöne Beschreibung  der Insel Janus Rock und wie schön die Autorin die nähere Umgebung beschreibt, dann nämlich, nähert sich die Sprache dem Bild und ich habe den Leuchtturm, der sich wie ein Fels in der Brandung erhebt, direkt vor Augen – mit Blick auf das unstete Meer. Trotz meiner angesprochenen Kritik muss ich mir zugestehen, dass ich auf der letzten Seite glasige Augen hatte.

Liebe Grüße,

Tanja

x Autor/in: M. L. Stedman
x Übersetzer/in: Karin Dufner
x Titel: Das Licht zwischen den Meeren
x Genre: Roman, Drama
x 448 Seiten
x Limes Verlag
x ISBN: 978-3809026198

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

3 Kommentare

  1. Vom Titel und Cover her passt das Buch ja ideal zum Lese-Leuchtturm. 🙂

    Mir ist das Buch schon so oft über den Weg gelaufen, aber ich konnte nie recht erahnen, was mich dort für eine Geschichte erwarten würde. Dank dir bin ich diesbezüglich nun schlauer. Schade nur, dass es im Buch keine richtige Persönlichkeitsentwicklung gibt – gerade bei Geschichten, bei denen die Psyche eine so tragende Rolle spielt, ist die Darstelllung und Entwicklung der Charaktere doch eigentlich eines der wichtigsten Elemente. Ich würde mich wohl schwer tun, einen Zugang zu den Themen des Buches zu finden, wenn die Persönlichkeitsentwicklung derart zu kurz kommt. Also doch kein Titel für die Wunschliste (leider oder zum Glück?).

  2. Ursprünglich handelte es sich sogar um eine Kurzgeschichte, doch der Agent von M. L. Stedman sah darin noch viel mehr Potenzial. Womit er Recht hat, denn die Frage, wie weit man für sein eigenes Lebensglück gehen darf, dann noch mit dem Hintergrund der schrecklichen Ereignisse, ist interessant und regt zum Nachdenken an.Eigentlich bin ich auch wegen der überwiegend positiven Meinungen zu diesem Buch gekommen, und in der Tat, in unserem Leuchtturm zieht das wunderschöne Cover alle Blicke auf sich. Ich kann verstehen, wenn man das Gedruckte mag oder eben auch nicht, was seltsam anmuten mag. Aber so ist es. Wenn du doch noch Lust bekommst das Buch zu lesen, versuch es mit dem Original. Selbst mir sind bei der originalen Leseprobe Kleinigkeiten ins Auge gesprungen, die in der deutschen Fassung nicht erwähnt werden. Schöne Worte! Und das, wo ich im Gegensatz zu dir selten und eher unfreiwillig fremdsprachige Bücher lese. Schon merkwürdig, mich reizt es selbst auf den Bestellbutton zu klicken. Allein aus Neugier. Vielleicht kommt da mehr rüber… wer weiß wer weiß. Was die Entwicklung der Charaktere angeht, da sind wir einer Meinung. 😉 Insgesamt scheinen die Meinungen jedoch weit auseinanderzugehen. So weit, dass die einen sagen „wunderwunderschön“ und die anderen „Nein, Danke!“

    • Dass dir sogar schon in der Leseprobe solche Unterschiede zwischen Original und Übersetzung aufgefallen sind, spricht ja eigentlich nicht gerade für die deutsche Ausgabe. Solltest du tatsächlich noch die komplette englische Ausgabe lesen, wäre ich neugierig, wie dein finaler Vergleich ausfällt und ob das Original doch noch mehr hergibt.

      Insgesamt bin ich nach deinen Worten nun wirklich hin und hergerissen: Auf der einen Seite klingt es nach einem sehr atmosphärischen Buch (was ich ja immer liebe), auf der anderen Seite stört mich der Aspekt mit der Charakterentwicklung doch ziemlich. Vermutlich werde ich das Buch einfach mal im Hinterkopf behalten und wenn sich irgendwann eine günstige Möglichkeit ergibt (Mängelexemplar, offener Bücherschrank, günstiges Hörbuch …), werde ich der Geschichte eine Chance geben – andernfalls bin ich jedoch nicht betrübt übers Nicht-Lesen, immerhin gibt es noch genug anderen Lesestoff. 😉

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