Das Dschungelbuch
Erzählungen Klassiker der Weltliteratur

Das Dschungelbuch 1 & 2 – Rudyard Kipling

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13. Januar 2017

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling und seine fantastische Dschungelwelt.

Ich war noch ein kleiner Knopf, als mir die tanzende Affenhorde, die Wölfe, Mogli und seine Freunde das erste Mal begegnet sind. Nämlich, als sich der rote prächtige Kinovorhang öffnete. Und wisst ihr, ich erinnere mich gerne daran zurück. In der hintersten Reihe konnte man durch eine kleine Luke beobachten, wie die Filmrolle aufgelegt und abgespult wurde. Im Hintergrund hörte man den Film knistern und die Spule ratterte leise vor sich hin. Offengestanden habe ich mich dem Schriftsteller, Zeichner und Dichter Kipling erst zugewandt, als ich den Kinderschuhen entwachsen war. Allerdings in einer unvollständigen Interpretation. Vor ein paar Monaten hatte ich dann auf der Seite des Steidl Verlags, in einer von Andreas Nohl überarbeiteten und großartigen Übersetzung, basierend auf der von Kipling autorisierten Outward Bound Edition (1897), in dem erstmals die Erzählung „Im Rukh“ zu lesen ist, „Das Dschungelbuch 1 & 2“ entdeckt. Erst diese Erzählung macht das Dschungelbuch und die Entwicklung von Mogli, vom Menschenwelpling bis zum Waldhüter, komplett. Markiert sie doch quasi Moglis endgültigen Abschied vom Dschungel. In Nohls Nachwort gibt es zahlreiche Zusatzinformationen zur Person Kipling, sowie zu seinen Werken, die das sowieso schon schön gestaltete Buch, nochmals aufwerten. So erfährt der Leser mitunter, dass das McClure’s Magazine im Juni 1896, erstmals den Versuch unternahm „In the Rukh“ in den Dschungelbuch-Kanon zu integrieren. Kipling schrieb einst:

This tale … was the first written of the Mowgli stories, though it deals with the closing chapters of his career, namely, his introduction to white men, his marriage and civilisation, all of which took place, we may infer, two or three years after he had finally broken away from his friends in the jungle… Those who know the geography of India will know that it is a far cry from Seeonee to a Northern Forest Reserve, but though many curious things must have befallen Mowgli, we have no certain record of his adventures during those wanderings. There are, however, legends‘.

Jede Erzählung wird mit einer schönen Illustration eröffnet. Die Expedition in Rudyard Kiplings bunte und poetische und ja, zum großen Teil auch finstere Dschungelwelt, beschreibt im ersten Teil, neben Moglis Entwicklung, das Dschungelgesetz im Seeonee, die Gefahren und natürlich die Jagd und das Prinzip ´fressen und gefressen werden`. Kipling zeichnet den Unterschied und das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier so nach, dass sich zum Beispiel Moglis Problem der Ablehnung, sehr gut in unsere Gesellschaft und in die heutige Zeit projizieren lässt. Mogli ist gefangen zwischen zwei Welten. Aus einer Welt, aus der er ursprünglich kam, die ihn jedoch nicht kennt und ablehnt. Die andere Welt, welche ihm vertraut ist und so sehr am Herzen liegt, kann und will ihm keinen weiteren Schutz bieten.

Wie nennen dich die Leute?
Mogli, Sahib. Und wie heißt der Sahib?
Ich bin der Aufseher dieses Rukhs – Gisborne ist mein Name.
Was? Nummeriert man hier die Bäume und Grashalme?
So ist es, damit nicht solche Vagabunden wie du sie in Brand stecken.
Ich! Ich würde um kein Geschenk der Welt dem Dschungel schaden. Er ist mein Zuhause.

Verfolge ich Kiplings Spur, im Nachwort Nohls` oder in seiner Biographie, entdecke ich gewisse Parallelen zu Mogli. Es ist also denkbar, dass Kipling sich selbst beschrieben hat. Als Kind lebte Kipling zwischen den Welten. Er wuchs mit dem britischen Kolonialgedanken und der designierten Lebensart der Briten auf. In der anderen Welt, mit den Menschen und der bunten Vielfalt Indiens. Dort hat er sich zuhause gefühlt. Als seine Eltern dafür sorgten, dass er, zusammen mit seiner Schwester, nach Southsea (Portsmouth) bei den Holloways unterkam, muss er besonders unter Mrs. Holloways` grausamen Schikanen gelitten haben. Es sind diese kleinen detaillierten biografischen Zugaben, ebenso die sprachlichen Feinheiten in der Übersetzung, Zitate und Begegnungen die uns, neben dem oft kritisierten und besprochenem (für mich höchst irritierendem), wenn auch auf die USA gemünztem Gedicht, The White Man’s Burden, eine ganz andere Sichtweise auf Kiplings schriftstellerische Schaffenszeit eröffnet. Insbesondere wenn man die vielleicht bedeutendste Erzählung „Das Wunder des Purun Baghat“ oder das Gedicht „If“ aus Kipling´s „Everyman’s Library Pocket Poets“ liest, verwundert die Widersprüchlichkeit.

„Er wurde drangsaliert und schikaniert, er wurde verhört und geschlagen und mit einem Schild, auf dem ´Lügner` stand, zur Schule geschickt. Die Erfahrung des systematischen mobbing in der Familie Holloway sollte Kipling später in der eindrücklichen Geschichte „Baa Baa, Black Sheep“ schildern. Sechs Jahre hielt der Junge durch, dann brach er seelisch zusammen.“ – Andreas Nohl

Zwei ebenfalls bekannte und berührende Erzählungen, die dazumal zeitversetzt in die Dschungelbuchsammlung aufgenommen wurden, ist die des mutigen und heldenhaften Mungos „Rikki-Tikki-Tavi“ und „Die weiße Robbe“ Kotick. So verbreitet der Winterzaunkönig Limmershin die Kunde, wie die Robbe Kotick aus der Novastoschnabucht in der Beringsee, aus dem Aberglauben der Menschen heraus, nur knapp dem Tod entkommt und eine neue Heimat findet. Kritik zum schwindenden Lebensraum der Tiere, sowie zum brutalen Abschlachten durch skrupellose Wilderer, werden in „Die weiße Robbe“ noch deutlicher. Diese fiktive Erzählung geht zurück auf die wahre Geschichte der Pribilof Inseln, die bis 1867 noch zu Russland gehörten und erzählt von der grausamen Jagd auf Robben.

Ich nahm den kleinen Vogel für einige Tage mit in meine Kabine und wärmte ihn auf, bis er wieder nach St. Paul zurückfliegen konnte. Limmershin ist ein merkwürdiger Vogel, aber in seinen Geschichten steckt immer ein Funken Wahrheit.

 

Die Insel Sankt Paul in der Beringsee am Nordostkap. Bildquelle: Ludwig Choris (1795 -1825), Forschungsreisender und Zeichner

Zwischen 1890 und 1910 hatte die Gesellschaft North American Commercial Company das Monopol auf die Robbenjagd und rottete dabei die Bestände an Seebären fast völlig aus; der Bestand an Seeottern wurde ausgelöscht. Erst 1966 wurde der kommerzielle Robbenfang verboten. Textquelle: Wiki

Für mich ist es erstaunlich, dass Kipling selbst jene Orte in seiner ganz eigenen bildhaft einprägsamen Art des Erzählens, so lebendig beschreiben konnte, obwohl er diese offenkundig nie besucht hat. Jedenfalls soll er sich nur anhand eines alten Atlas orientiert haben. Mein Leseerleben so kompakt wie möglich zu schildern, war ein einziger Krampf. Immer wieder verwarf ich das Geschriebene und begann von vorn. Rückblickend ist es faszinierend zu sehen, wie viel ich, auch über Kiplings unsterbliche und zeitlose Erzählungen hinaus, für mich mitnehmen konnte. Das Buch ist Anreiz, mich zum Beispiel intensiver mit dem britischen Kolonialgedanken oder dem historischen Konflikt zwischen Indien und Russland, das als „The Great Game“ bezeichnet wird, zu befassen.

Nun, der Leser wird die Wertigkeit auch zwischen den Fingern spüren. Er wird wie ich den Urwald durchkämmen, die Magie Himalayas kennenlernen und wie ein Forschungsreisender durch die Beringsee schippern. Dass ich noch weitere Werke von Kipling lesen möchte, unter anderem „KIM“ und den Kinderbuchklassiker „Der Schmetterling, der mit dem Fuß aufstampfte“ – sie wurden ebenfalls von Andreas Nohl neu ins Deutsche übersetzt – habe ich mir fest vorgenommen.

Dschungelbuch 1&2, R. Kipling, Übersetzung: Andreas Nohl, 523 Seiten, Steidl Verlag, ISBN: 978-3-95829-049-5

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