chris de stoop
Sachbuch

Chris de Stoop – Das ist mein Hof

By on 21. Mai 2017

Die Weite ist weg. Definitiv weg, so definitiv wie der Tod. Und wenn die Weite aus der Sicht verschwindet, verschwindet sie auch aus dem Kopf. Dann sieht man das vollständige Ganze nicht mehr. S. 30

Chris de Stoop

In diesem Sachbuch, das sich wie eine persönliche Reportage lesen lässt, in welchem die eigene Familiengeschichte des ICH Erzählenden Chris de Stoop der Knotenpunkt ist, und vor allem der Bruder die Initialzündung war, um das Buch zu schreiben, geht es um die Zwangsenteignung von Hof und Land und die Zerstörung einer historischen Polderlandschaft, welche schon im 12. und 13. Jahrhundert eingedeicht und durch breite Gräben (Grachten) trockengelegt wurde. Was dem Meer abgerungen wurde, muss für die Industrialisierung und die Vertiefung des Antwerpener Hafen dem Meer zurückgegeben werden, sozusagen als Ausgleich. Dass hunderte Hektar Land geflutet werden sollen, um beispielsweise neue Natur zu schaffen, hat einen jahrzehntelangen Streit zwischen Belgien, den Niederlanden und den Bürgerinitiativen ausgelöst, der noch immer ausgefochten wird. Ein ganzes Dorf namens Doel musste dem Hafen weichen. Nicht nur in der Waaser Polder wurden Bauernhöfe abgerissen, um neue Naturschutz- und Erholungsgebiete oder Platz für Windkraftparkanlagen zu schaffen.

Chris de Stoop schleift uns von Hof zu Hof. Mit ihm und durch seine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, seinem Sehnsuchtsort, den Kindheitserinnerungen, erleben wir die Schönheit und zugleich den Verfall der Polder, das Leben und den Tod.

Wer sind wir, wer sind sie, wer ist der Staat, der mir nichts, dir nichts verfügen kann, einen historischen Landstrich völlig umzugestalten? S. 176 – Bauer Guido Van Mieghem (einer der letzten Bauern von Doel)

Erst habe ich alles Positive herausgepickt. Naturschutz – ist doch schön! Und der Hafen ist auch ganz schick! Der technische Fortschritt ist super, solange wir nicht selbst betroffen sind. Aber spätestens wenn man vor Monique, Guido oder vor Roger van Gijsel steht, und auf das ein paar Seiten zuvor erwähnte satirische Tierepos „Reynke de vos“ (bestehend aus 7791 knittelnden Versen) zurückblickt, ebenso auf das Sprichwort „Nur Bauern und Könige haben einen Hof“, dann versteht man de Stoops kaleidoskopartige Herangehensweise und den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwärtigem, in dem er, wie bereits erwähnt, auch seine ganz persönliche Geschichte zum Besten gibt. Sein Bruder ist unerwartet gestorben, seine Mutter zu alt und krank um den Hof in Schuß zu halten. Also hängt die Zukunft des Hofes von ihm ab. Es gibt neue Herren und die Könige haben den Galgen durch einen Zwangsenteignungsbeschluss ersetzt.

Dem belgischen Autor und Journalisten Chris de Stoop ist ein eindringliches, schauriges und ein überaus atmosphärisches Buch gelungen, das hohe Wellen schlägt; hin und wieder sogar an die Versprechungen des verpfutschten Baus des Flughafens in Berlin Brandenburg, und ebenso an die geplante Elbvertiefung in Hamburg erinnert, es gibt da durchaus Parallelen. Wenngleich man sich mit ein paar ergänzenden Daten in der Fußzeile keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätte. Ich vermisse da vor allem speziferische Daten zu den Scheldeverträgen und den Koalitionsverhandlungen, welche man sich mühsam im Netz zusammensuchen muss. Ungeachtet dessen hat Chris de Stoop mich vor allem mit seinem zum Teil auch poetischen Sprach- und Schreibstil beindruckt, weil jedes Wort lebt. Es ist, als würde ich mit dem Fahrrad durch das Hedwige Polder, das Verdronken Land fahren und auf dem Deich die frische Luft einatmen. Während du liest, spulst du den Farbfilm so ab, als wärst du mittendrin. Ob diese Fahrradtour überhaupt noch möglich ist, weiß ich nicht. Schließlich sollen die Ausbaumaßnahmen der Scheldevertiefung mittlerweile längst abgeschlossen sein. Eine beeindruckende, poetische und zugleich beunruhigende Stille geht von de Stoops` Beobachtungen und Gedanken aus. Nicht nur von ihm, sondern auch von den stolzen Polderbauern. Wenn ich das Thema „ökonomische Nachhaltigkeit“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachte, wenn Natur zerstört wird und durch Ausgleichsflächen kompensiert werden soll, bin ich hin und hergerissen. Vor allem, wenn eine historische Kulturlandschaft zerstört wird und Menschen um ihre Existenz gebracht werden. Und genau um diese Menschen geht es de Stoop.

Chris de Stoop, Das ist mein Hof, S. Fischer Verlag, 978-3-10-002545-6

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