[Challenge] Gesammelte Schätze 2016 und ein Oh!

gesammelte schätze 2016

…, aber auf ganzer Linie! Mach´ zumindest einen Nachtrag zu den Versäumnissen, habe ich mir vorhin gesagt. Und, was die liebe Kathrin wohl denkt, herrje. Ich suche also im Archiv nach  gesammelten Schätzen von 2016 und stelle mit Entsetzen fest, dass kein Eintrag vorhanden ist. Oh! Auch wenn unser Leuchtturm vom Sommer bis zum Herbst völlig verwaist der See trotzen musste, ist es mir ein Rätsel, wo die Postings zu Beginn des Jahres abgeblieben sind. Nach kurzem Grübeln ist mir einiges klar. Als ich eines schönen Abends, ohne vorab die Daten zu sichern, mit nur einem Klick die Datenbank zerschoss, ja… da ist wohl einiges irgendwo im Nirgendwo gelandet. Mal schnell was manuell anpassen, damit hatte ich mir einen riesigen Haufen … eingebrockt. Was soll´s!

Ich habe bereits mit dem Jahr 2016, mit all seinen Höhen und Tiefen und den Momenten des Innehaltens, abgeschlossen. Trotzdem ist es mir ein Bedürfnis, zumindest ein paar schöne und bedeutsame Sätze aus meinen Notizen mit euch zu teilen.

Marceline Lauridan-Ivens – „Und du bist nicht zurückgekommen“

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem, was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich nicht mehr da.“  ( 7)

Das ist der erste Satz in einem letzten Brief, den die Holocaustüberlebende Marceline Loridan-Ivens, erst viele Jahre nach der Befreiung aus Auschwitz-Birkenau an ihren Vater schrieb. Wie man sich denken kann, hat ihr Vater nicht überlebt.

Astrid Lindgren – 2Die Menschheit hat den Verstand verloren ( Tagebücher 1939/1945)“

„Abends war ich bei Anne-Marie und Stellan. Wir sind im Schein des Vollmondes um Sora Essingen spaziert, in der Nase den Duft von Lindenblüten und Traubenkirsche. Himmlisch, himmlisch! Aber die Deutschen dringen im Eiltempo vor; nichts kann sie aufhalten.“(59)

In den Tagebüchern zählt Astrid Lindgren erschreckend viele Parallen vom zweiten Weltkrieg zur Vergangenheit auf. Nun scheint sich die Geschichte, angefangen mit der Annexion der Krim im Jahr 2014, zu wiederholen. Das war mein Gedanke, als ich das Buch las. Heute scheint es, als wäre ein vereintes Europa und über 70 Jahre Frieden nichts, was es zu bewahren lohnt. Wenn man die rosarote Brille in den sozialen Netzwerken absetzt, ist der Hass grenzenlos. Es ist, als würde man eine Tür öffnen und den eisigkalten Windzug spüren. Er pustet dich um und bringt alles durcheinander. Letztens sah ich eine Dokumentation über den Kapitalismus im Schatten der Armut -„Die ungleichen Staaten von Amerika“ – und ich kann die Menschen verstehen. Trotzdem finde ich es viel strebenswerter und ehrenvoller, im Zusammenschluss mit Gleichgesinnten nach Lösungen zu suchen, als den Rattenfängern der AfD in die Arme zu laufen. Immer diese ewig gestrigen Pauschalisierungen. Dass das schon immer so war, geht auch aus Lindgrens Tagebüchern hervor. Nun sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Nichts hat sich verändert! Indes bleibt die Hoffnung auf Besinnug, ein friedvolles Jahr und ein Ende der Kriege.

3. Sept. 1939 – Die Sonne scheint, es ist warm und schön, die Erde könnte so ein herrlicher Ort zum Leben sein. (22)

Siegfried Lenz / So zärtlich war Suleyken – Die zehnte der masurischen Geschichten „Der rasende Schuster“

Viel seltsames hat die gleichmütige Geschichte in Suleyken erlebt – nichts aber kommt an Seltsamkeit gleich jenem Streitfall, den mein Oheim, der Schuster Karl Kuckuck, mit einem Menschen namens Zoppek hatte. Kennt vielleicht schon jemand die Geschichte? Gut, dann will ich sie erzählen. (59)

Frei Schnauze mit subtilem Humor und erklärter Liebe. Das ist Suleyker Art. Immer wenn ich die Erzählungen von Siegfried Lenz lese, ist der freundliche Lenz wieder da.  Und dem Lesespaß – dem Vergnügen, folgt die Erinnerung. Und dann…. winke ich und schicke einen Gruß. Vergessen ist der Alltag und die schwere Kost aus Büchern vergangener Tage.

Sarah Kuttner – „180° Meer“

Kurz bevor ich einschlafe, bäumt sich noch etwas in mir auf, obwohl ich gar nicht sicher bin, ob Tim noch wach ist. »Weißte, kann schon sein, dass es schwerer ist, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht mag. Aber auf der anderen Seite muss so jemand vielleicht ganz besonders liebgehabt werden. Als Unterstützung quasi. Wie Stützräder. Solche Leute brauchen Stützräder. So!« (129)

Gerade wegen der schroffen, spitzen, vor allem aber ehrlichen und jugendlichen Sprache, kommt die ehemalige Viva Moderatorin und Autorin Sarah Kuttner bei ihren Fans gut an. Doch im Feuilleton hat sie es wahrhaftig nicht leicht, ernstgenommen zu werden. Da wird jeder kleinste Schnitzer an die große Glocke gehangen. Als ich ihren Debütroman „Mängelexemplar“ las, war mein Urteil niederschmetternd. Als zu geschwätzig, zu ICH-Bezogen, sich ständig im Kreise drehend, hatte ich diese überaus langweiligen ewigen Sitzungen beim Psychiater empfunden. Es gab nur ein Thema: „Die Protagonistin und ihre Depression“ Mit dieser Krankheit hat nicht die Tochter, sondern Jules Mutter  in 180° Meer zu kämpfen. Erst wollte ich das Buch direkt in den nächsten Papierkorb werfen, aber jede weitere Seite hielt mich davon ab. Nicht alles hat mir zugesagt, aber es gibt diese kleinen besonderen poetischen Momente, irgendwo zwischen den Seiten versteckt, das WIR, echte Familienprobleme, eine sich entwickelnde Freundschaft und Rosa. Ein unterhaltsamer Schmöker für die Bahnfahrt, den Strand, die Parkbank oder wo auch immer.

Peter Nichols – „Die Sommer mit Lulu“

»Und los gehts. Halt dich ganz fest!« Das Moped brummte laut und zitterte unter Charlies Beinen, dann sprang es vorwärts. Charlie lachte laut und gab ein begeistertes Kreischen von sich. Die Steinmauern am Straßenrand verschwammen. Ein kleiner gelber Lichtfleck hüpfte vor ihnen her, während sie unter dem indigoblauen Himmel durch die Dunkelheit rasten. (186)

Geralds Rede in der Duveen Gallery. Großartig! Der Klett Cotta Verlag hat eine feine Nase für gesellschaftskritische, anspruchsvolle Literatur. Das Buch ist kein schnöder, kitschiger Sommerroman. Es ist eine vielschichtige Geschichte voller Irrungen und Wirrungen. Rückwärts habe ich mich in ein Buch fallen lassen, das verstört und zugleich unvergessen in Erinnerung bleiben wird. Jedenfalls kann es nicht schaden, den Autor im Auge zu behalten.


Maria Barnas (NL, 1973) schreibt Romane, Gedichte und Essays. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Amsterdam und Berlin. In „Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden“ wurden, wenn ich micht nicht irre, erstmals ein paar ihrer Gedichte, aus dem niederländischen Sprachraum ins Deutsche übersetzt.

Wenn ich den Kai entlang blicke sehe ich die Nacht
in die Stadt ziehen wie eine langgestreckte Schaluppe
die Deckung sucht im Schlick eines seichten
Flusses. Die Amstel glitzert und verschwimmt

in meiner Erinnerung während das Wasser gegen die Kaimauer schlägt. Ich muss nicht bleiben.
Ich kann alle Namen tragen. Alle Flüsse durchkreuzen.
Was transportieren sie denn anderes als tiefsten Kohlengrus

die erstickendste Vergangenheit so dicht zusammen
gepresst dass lupenreine Augenblicke entstehen.
Glück an einem beliebigen Tag. Wenn es dämmert

und fast schon hell wird flackert am Horizont ein Name.
Eine Stadt. Die uferlose Zeit und ich.
– Maria Barnas

Viele lesenswerte niederländische und flämische Texte haben zuletzt den Weg in die deutsche Sprache gefunden. Für mich ist es nach wie vor spannend, als Reisender zu sehen, wie unsere Nachbarn Poesie leben und sichtbar machen. Auch in den Gedichten von Maria Barnas zeigt sich, wie kraftvoll die Wirklichkeit und der Augenblick in der Sprache ist, wenn man sich träumend nur einen Moment lang treiben lässt –  sich eine Auszeit gönnt.

Nachdem unsere liebe Kathrin von Phantasienreisen in den vergangenen zwei Jahren das Projekt „Gesammelte Schätze“ organisierte, hat sie nun das Szepter an die Bloggerin Mareike weitergereicht. Ich werde natürlich mitmachen, kann jedoch keine Regelmäßigkeit zusagen. Als Vorsatz für das Jahr 2017 halte ich daran fest, gelassener in die Zukunft zu blicken und mich von den vielen Neuerscheinungen nicht verführen zu lassen.

Liebste Grüße,

Tanja

Veröffentlicht von Tanja

Bücher lesen, fotografieren, Musik hören, das Meer - das brauche ich wie die Luft zum atmen.

2 Kommentare

  1. Liebe Tanja,
    auch an dieser Stelle noch einmal danke für deine Schätze! Eine bunte Sammlung hast du hier erstellt. Astrid Lindgrens Tagebücher möchte ich auch so gerne noch lesen – auch wenn es aktuell so schon deprimierend genug ist, die Parallelen zwischen damals und heute zu sehen. Doch auch wenn ich angesichts der aktuellen politischen Lage weltweit das Schlimmste fürchte, hoffe ich doch auf eine gute Wendung und möchte nicht den Glauben daran verlieren, dass das Gute, das in den meisten Menschen liegt oder zumindest schlummert, rechtzeitig die Oberhand gewinnt …

    Mit deinen Zeilen von Lenz hast du mich gerade zurück in den Sommer geschickt, als ich diese feine Lektüre genießen konnte. Deinetwegen habe ich mir im Herbst auch spontan Lenz‘ „Der Überläufer“ in der Vintage-Ausgabe (Hoffmann und Campe“ gekauft, ohne auch nur eine Zeile davon angelesen zu haben. 🙂

    Liebe Grüße an euch beide
    Kathrin

  2. Hallo liebe Kathrin,
    es war mir eine Herzensangelegenheit ein paar aufbewahrte Sätze aus meinem Notizheftchen zu übertragen. Schließlich weiß ich, wie viel du in den vergangenen zwei Jahren um die Ohren hattest. Da war das Studium, der Umzug in neue Gefilde, die Arbeit und trotzdem hat sich das Leuchtfeuer der „Gesammelten Schätze“ immer weitergedreht. Mitunter ist es dir, deinem Herzblut und deiner Beständigkeit zu verdanken, dass das Projekt so viele Jahre überdauert hat und weiterlebt. Bevor du dir Astrid Lindgrens Tagebücher zulegst, empfehle ich, das Buch grob durchzublättern. Ich hoffe ebenso, dass das Gute überwiegt, dass die Etablierten endlich die Augen öffnen, um zu sehen, was die Menschen wirklich umtreibt, weil es nicht um irgendeine Obergrenze geht, sondern um eine gerechte Umverteilung des Wirtschaftswachstums. Es geht um soziale Gerechtigkeit.

    Das ist so wunderbar! Übrigens, der Roman „Der Überläufer“ von Siegfried Lenz, liegt auch hier zum Lesen bereit. Aber wenn Du mal wieder etwas kurzweiliges lesen möchtest, dann musst Du unbedingt die Eigenheiten der Bolleruper, in den Erzählungen „Der Geist der Mirabelle“, kennenlernen.

    Wir senden liebe Grüße zurück, an Dich und an Deinen Mann.

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