Asli Erdoğan – Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

Asli Erdoğan - Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch

Die Schriftstellerin und Essayistin Asli Erdoğan sitzt nicht im Gefängnis! Nein – sie wird in ihrem eigenen Haus festgehalten. Die neuesten Entwicklungen in der Türkei lassen den Schluss zu, dass dieser beunruhigende Zustand noch eine Weile Bestand haben wird. Wie konnte es soweit kommen? Diese Autorin zählt zu einem Personenkreis, welcher durch kritische Berichterstattung oder durch das Hinterfragen von Entscheidungen der Regierung, ins Abseits der türkischen Gesellschaft gestellt worden ist – durch regimetreue Anhänger und dem mächtigen Regierungsapparat in der Türkei.

In ihren Essays zeichnet Asli Erdoğan mit viel Gefühl und ihrer ganz eigenen Poesie ein Bild ihrer Heimat, welches nicht mehr viel mit dem aufstrebenden Staat zu tun hat, welcher noch vor wenigen Jahren als ein „muslimischer Musterstaat“ von westlichen Nationen bezeichnet worden war. Jene, die der Regierung die Stirn bieten, werden mundtot gemacht. Sie werden eingesperrt, des Landes verwiesen oder als Anhänger einer Opposition überstimmt. Meinungen und Ansichten, welche sich nicht mit dem Vorgehen der Regierung decken, sorgen für teils radikale Reaktionen. Genau hier wirken Asli Erdoğans Texte aufrüttelnd und so erschütternd. Ein Land im 21. Jahrhundert gerät langsam aus den Fugen. Die Autorin ist kein Gegner ihres Landes. Sie liebt ihre Heimat und die Menschen, die in diesen Gebieten leben. Doch die fortdauernden Konflikte innerhalb des Landes, die Vetternwirtschaft in den Machtzentren der Türkei und der scheinbar nie enden wollende Konflikt mit den türkischstämmigen Kurden, zerstört diese Nation mehr und mehr. Das jüngst stattgefundene Referendum zur Implementierung eines Präsidialsystems zeigt die Spaltung dieses Landes überdeutlich. Wenn man nun die Zeilen dieser Autorin liest, wirken die Ereignisse der letzten Monate noch eindringlicher und besonders niederschmetternd.

Schon im ersten Wort, das unter den gewaltigen Schlägen des Schrecklichen zerbricht wie ein Zweiglein, wird das Scheitern anerkannt, das Wort heißt »Krieg«. Angesichts der Unermesslichkeit, die ungehört verhallt, auch wenn das Wort ausgesprochen wurde, bleibt nichts übrig als verzweifelter Rückzug. Doch der Mensch kann nicht leben, ohne zu erzählen, er erzählt, gibt weiter, fängt von vorne an. (Als könnte man das Leben genauso erzählen, wie es ist, in all seiner Gesamtheit, seiner Einzigartigkeit und Unendlichkeit!) In der ständig anwachsenden Wüste der Wörter zeichnet der Mensch Kreise, Zickzacklinien, verwickelt sich in seiner eigenen Geschichte.  S. 88

Die Entwicklungen in diesem Land sind nicht nur eine Bestandsaufnahme einer Autorin über ihr Heimatland. Der Leser könnte möglicherweise Parallelen zu den neuesten Entwicklungen in ganz Europa ziehen. Die Radikalisierung und der aufkommende Populismus schalten die sachliche Diskussion aus und befeuern das emotionale Wutszenario. Deutschland, Frankreich, Niederlande, England, Polen – so viele Europäer haben in den letzten Monaten das Gift in die Herzen ihrer Mitbürger gegossen und nun entlädt sich der Zorn. Die Mächtigen wanken – oder sie bedienen sich zweifelhafter Praktiken, um ihre Macht weiter festigen oder gar ausbauen zu können. Doch diese Wut hat kein Ziel – sie läuft feuerrot an und stampft auf. Eine konstruktive Kritik oder ein produktiver Gedankenaustausch findet nicht mehr statt. Fakten werden angezweifelt und manche Theorie oder „wilde Phrase“ als Tatsache übernommen. Wenn der Mensch es mit der Angst zu tun bekommt, wendet er sich stets einem starken Anführer zu. Ein Anführer klärt die Dinge und sorgt für Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Was derzeit in der Türkei passiert, könnte für einige als eine Art „Blaupause“ für die eigene Nation herhalten.

Asli Erdoğan möchte aufklären und begreifen. Sie möchte eine aufgeklärte Nation sehen, die sich auch zu ihrer eigenen Geschichte bekennt. Denn auch hier gibt es viele Lücken, die geschlossen werden müssen. Der Genozid am armenischen Volk darf im politischen Regierungslager nicht an- oder ausgesprochen werden. Diese Türkei habe keinerlei Greueltaten begangen. Wer solche Behauptungen in die Welt setzt, wird direkt als Feind der Türkei bezeichnet. Doch ist es nicht so, dass uns die Geschichte lehren soll? Wir sollten die Erfahrungen – ob nun gute oder schlechte – als Antrieb für eine zukünftige Generation freier Menschen sehen, die solche Fehler nicht begehen würden.

Tode, Morde, Verluste… Vielleicht können manche Dinge durch nichts als sich selbst erzählt werden. Sie in Sätze zu gießen, bildet ein Stück Geschichte, nicht mehr. Auch das ist ein legitimer Grund zum Schreiben, selbst das Bestreben, sich ein Stück ganz persönliche Geschichte zu schaffen, ist ausreichend sinnvoll. Aber es ist ja so, wenn ein Mensch sich entblößt, um zu erzählen… dann ist er splitternackt, gehäutet in der Wüste der Worte. S. 173 (aus Parenthese)

Eine aufgeklärte Türkei – weltoffen und ohne Vorbehalte gegen Oppositionen, um eine politische Diskussion in Gang zu setzen, um dem Volk erfolgreich dienen zu können. Es wäre schön, wenn dieser Gedankenumbruch eine Chance erhalten würde – damit der „kleine Kanarienvogel“ wieder singen und fliegen kann.

 

 

Essays von Asli Erdoğan, „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“,   ISBN 978-3-8135-0780-5, erschienen im Knaus Verlag

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